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Twitter-Gewitter

René Zeyer

Auf Kuba wurde im offiziellen Amtsblatt eine neue Bestimmung veröffentlicht. Buchhändler dürfen keine Werke mehr verkaufen, deren Inhalt «ethische und kulturelle Werte schädigt». Man kratzt sich am Kopf und fragt sich, was die Machthaber auf der letzten Insel des Sozialismus damit wohl meinen.

Eine solche Bestimmung braucht es hingegen in der Schweiz nicht. Hier herrscht das Justemilieu und ahndet sofort auch den kleinsten Verstoss gegen ethische Werte. Der in Thailand lebende Medienjournalist und Chefredaktor des «Schweizer Journalist», Kurt W. Zimmermann, twitterte: «Enormes Medieninteresse an thailändischen Kindern am Ertrinken. Kein Medieninteresse an Mittelmeer-Flüchtlingen am Ertrinken. Warum? Könnte damit zu tun haben, dass thailändische Kinder nicht in unsere Sozialsysteme einwandern und in der Silvesternacht keine Frauen vergewaltigen.» Das hätte er besser nicht getan. Denn wenn die selbsternannten Verteidiger des Guten, Wahren und Richtigen einen Verstoss gegen ethische Werte entdecken, dann werden sie ansatzlos wild und rabiat.

Bildschirmfoto 2018-07-10 um 16.20.54

So schlägt der Migros-Journalist (eigentlich ein Widerspruch in sich selbst, aber das wäre zu schwierig für ihn) Reto Vogt wie ein Grossinquisitor zurück: «Lösch dich, Zimmi.» Leider unterlässt es Vogt, zu erklären, was er damit genau meint und wieso das «Zimmi» tun sollte. Ganz anders Fabian Renz, Leiter der Bundeshausredaktion beim «Tages-Anzeiger»: «Ich glaube, alle Käufer und Abonnenten gewisser Medienmagazine sollten sich diesen Tweet hier gut merken», und dann verweist er auf das Gezwitscher Zimmermanns. Das ist nun wirklich hinterfotzig fies, eine sublime Aufforderung, das Abonnement des «Schweizer Journalist» zu kündigen und das Blatt nicht mehr zu lesen. «Aber nein», würde Renz antworten, so sei das doch nicht gemeint. Ja wie denn sonst? Und bevor das einer von Ihnen, werte Leser, zurückkräht: Ja, ich publiziere gelegentlich im «Schweizer Journalist». Weil man mich dort schreiben lässt.

Dann hätten wir noch Pia Wertheimer, Redaktorin bei der «SonntagsZeitung» («laufen ist meine Leidenschaft»). Beim Rennen braucht es nicht viele Gehirnzellen, für diesen Tweet auch nicht: «Widerlich. Gemeldet. Ich hoffe Twitter reagiert.» Also eine begründungslose Denunziation, inklusive mangelhafter Beherrschung der Interpunktion. Den Höhepunkt habe ich aber bis zum Schluss aufgespart. Daniel Binswanger twittert: «Lieber Kurt W. Zimmermann, sie sind in ihrer krankhaften Verzweiflung schon fast bewundernswürdig, aber lhre Versuche immer noch degoutanter zu werden, sind wirklich sinnlos. Schon seit langen Jahren ist das gar nicht mehr menschenmöglich.» 34 Wörter, 5 Fehler, dunkler Sinn und der peinliche Versuch, durch die Verwendung des Wortes «degoutant» französischen Esprit zu versprühen. Allerdings müsste dieser Komparativ von der Sprachpolizei verboten und mit Kahlscheren geahndet werden. Wahrscheinlich hat ihn Binswanger vom Positiv «die Degoutante» abgeleitet und aus Versehen klein geschrieben. Aber immerhin, diesmal hat er nicht weinerlich den Presserat eingeschaltet. Das kann aber noch kommen.

Zimmermann versuchte dann verzweifelt, sich zu erklären: «Hier die gewünschte Ergänzung zu meinem Thailand-Tweet. Man kann die Fragen noch einfacher stellen: Wie viele der 1000 Journalisten, die vor der Höhle stehen, waren zuvor am Mittelmeer, als dort die Dramen spielten? Und warum ist keiner mehr dort? Weil der politische Wind drehte?» Es spricht für seine Intelligenz, dass er aber einsah, dass hier dem Sünder nur noch eines bleibt, das hier: «Eine Entschuldigung. Weil ich in Thailand lebe, habe ich mich über die Sensationsjournalisten vor der Höhle genervt. Mein Tweet hat aber viele beleidigt, weil sie glaubten, ich wolle gegen Flüchtlinge hetzen. War nicht Absicht, tut mir leid. War ein Scheiss-Tweet, ich lösche ihn.»

War das ein Scheiss-Tweet? Es war sicherlich ein Beitrag zum Unsinn, mit wenigen Worten komplexe Sachverhalte darzustellen. Wer das tut, begibt sich ohne Not auf das intellektuelle Niveau des US-Präsidenten, und dafür hat man natürlich Strafe verdient. Aber war der Tweet widerlich, Anlass zu Boykottaufrufen, ein Grund, sich selbst zu löschen oder gar Ausdruck krankhafter Verzweiflung? Viel verstörender als dieser Tweet von Zimmermann sind die Reaktionen des neuen Justemilieu auf Twitter. Gab es Widerworte, Gegenargumente, Begründungen, Kritik? Hat irgendeiner von den hier zitierten hyperventilierenden Verteidigern des zweifellos moralisch Guten gegen finstere Gestalten wie Zimmermann es für nötig gehalten, auch nur eines Gedankens Blässe zu formulieren?

Ich schlage vor, dass sich diese Journaille doch in Kuba bewirbt, um dort Bücher daraufhin zu kontrollieren, ob ihr Inhalt ethische und kulturelle Werte schädigt. Man mag nun einwenden, dass das daran scheitern könnte, dass diese Journalisten vielleicht kein Spanisch können. Da gibt es aber zwei Gegenargumente: Deutsch können sie auch nicht. Und ihre Urteile fällen sie sowieso ohne Rücksicht auf den Inhalt oder den Gedankengang eines Textes.



René Zeyer ist Inhaber von Zeyer Kommunikation in Zürich. Er ist Publizist (BaZ, «SonntagsZeitung», «Weltwoche», NZZ) und Bestsellerautor.

Der Autor vertritt seine eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Victor Brunner, 13.07.2018 17:20 Uhr
    Der Text von Zimmermann war doch klar. Er hat seines und unser Denken hinterfragt ob wir nur noch solidarisch sind mit Menschen weit weg von uns, die nicht morgen an unsere Haustüren klopfen. Es ist ein neueres Phänomaen, seit die Medienlandschaft mit weniger Geld auskommen muss und Journis um ihr Brot bangen findet ein gegenseitiges Hickhack statt. Nun stellt sich aber heraus dass Journis, insbesondere DB gewohnt sind ausschweifende Texte zu schreiben, in die Twitterfalle geraten und dann halt scheitern!
  • Eveline Thurre, 13.07.2018 18:20 Uhr
    Jemandem mangelnde Kenntnisse in der Rechtschreibung oder fehlende Interpunktion anzuschwärzen, ist genau das Argument, das vorgebracht wird, wenn sonst keine Argumente mehr vorhanden sind.
  • René Zeyer, 13.07.2018 18:49 Uhr
    Sehr geehrte Frau Thurre: ganz falsch. Abgesehen davon, dass ich ja argumentiere: Ein liederlicher Umgang mit der Sprache ist Ausdruck eines liederlichen Umgangs mit Gedanken. Wie sagte Karl Kraus so richtig: «Die Sprache ist die Mutter, nicht die Magd des Gedankens.» Und als ob er Binswanger gekannt hätte: «Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten.» Wobei, nicht mal das kann diese schreibende Haartolle.
  • Eveline Thurre, 13.07.2018 18:58 Uhr
    „Schreibende Haartolle“ ist sehr despektierlich und schmälert den Gehalt Ihrer Kritik. Nicht nur Fehler vorwerfen, auch noch beleidigen. Machen kleine Kinder übrigens auch so.
  • René Zeyer, 13.07.2018 19:42 Uhr
    Schauen Sie, wer inhaltlich nichts zu sagen hat, hält sich an formalen Petitessen (polemisch, beleidigend) auf. Und dann keilen Sie hübsch despektierlich zurück (kindisch), was ja den Gehalt Ihres Kommentars auch schmälern müsste. Wenn es ihn denn gäbe.
  • Eveline Thurre, 13.07.2018 21:10 Uhr
    Um es mal vorwegzunehmen: Ihre Gedanken im Blog finde ich ja eigentlich im Ansatz ganz gut. Selbst wenn ich nicht gleicher Meinung bin. Was mich stört, sind die unsachlichen Zwischenbemerkungen (wie mangelnde Interpunktion oder "aber das wäre zu schwierig für ihn" bei Vogt). Solche Bemerkungen hätte es hier nicht gebraucht, der Blog wäre gleichwohl lesenswert. Und Aussehen mit Leistung zu verknüpfen ("schreibende Haartolle"), ist einfach nur überheblich. Betreffend liederlichem Umgang mit der Sprache: Laut Ihrer Logik düften folglich alle, die sich der deutschen Sprache nicht ganz so mächtig sind, ihre eigene Meinung nicht kundtun? Nur wer jedes Komma richtig setzt, hat ein Recht auf freie Meinungsäusserung?
  • René Zeyer, 13.07.2018 21:41 Uhr
    Wir sprechen hier von Journalisten, gnädige Frau. Von denen kann tatsächlich verlangt werden, dass sie ihr Handwerkszeug beherrschen. Und Hand aufs Herz, dieser Twitter-Dilettantenstadl hat sich auch despektierliche Bemerkungen redlich verdient.
  • Peter Herzog, 14.07.2018 19:39 Uhr
    Man muss Frau Thurre hier schon unterstützen: Wer auf Beleidigungen setzt, sei die Kritik ansonsten angebracht oder auch nicht, verspielt ziemlich viel an Glaubwürdigkeit. Aber möglicherweise funktionieren beleidigende Formulierungen als dog whistle in Zeyers Anti-PC-Bubble am Besten...man will ja Stärke demonstrieren, da gehören spätestens seit Trump ein paar despektierliche Nebensätze einfach dazu.
  • Matthias Schüssler , 14.07.2018 20:09 Uhr
    Ich nehme es persönlich, dass Ihnen zu meinem Tweet keine Beleidigung eingefallen ist.
  • René Zeyer, 14.07.2018 21:08 Uhr
    Das tut mir leid. Aber ich habe auch nur zwei Hände.
  • Fabian Renz, 14.07.2018 23:01 Uhr
    Gratulation an den Kollegen Zeyer für die Perfektionierung des Spar-Journalismus. "'Aber nein', würde Renz antworten." Man spart sich die Zeit für die Nachfrage und erfindet die Antwort gleich selber.
  • René Zeyer, 15.07.2018 00:46 Uhr
    Nun, dann geben Sie‘s mir, indem Sie behaupten, Ihr Tweet sei keine kaum verhüllte Aufforderung gewesen, ein gewisses Medienmagazin zu boykottieren. Oder wollen Sie sich die Zeit sparen und uns Ihre Antwort nicht verraten?
  • Fabian Renz, 15.07.2018 22:38 Uhr
    Meine Antwort finden Sie auf Twitter. (Sie lagen mit Ihrer Schätzung um 180 Grad daneben.) Einfach ein kollegialer Tipp an Sie: Wenn man der "Journaille" so freigiebig Zensuren verteilt, wirkt es glaubwürdiger, man selber gewisse Standards einhält.
  • René Zeyer, 16.07.2018 00:33 Uhr
    Da steh ich nur, ich armer Tor. Da ich im Gegensatz zu Zimmermann und Ihnen nicht twittere, weiss ich immer noch nicht, was Sie zwitscherten, um die naheliegende Vermutung, dass Sie zum Boykott des „Schweizer Journalist“ aufriefen, widerlegen könnte.
  • Sam Loew, 16.07.2018 09:35 Uhr
    Wenn ich die Leserzahlen des Tages-Anzeigers analysiere – allein von Sept. 2016 bis Sept. 2017 sind sie im Print um 18 Prozent gefallen und im Web um 12 Prozent , dann glaube ich, dass sich die Käufer und Abonnenten gewisse Artikel im Tages-Anzeiger auch gut gemerkt haben. In diesem Sinne habe ich einen Tipp für Fabian Renz: Einfach die Arbeit besser machen, statt Tipps verteilen. Überdies wäre es sinnvoller für die Freiheit der Kollegen einzustehen, zu publizieren, was sie wollen, statt Forderungen an die Leser von anderen Zeitungen/Zeitschriften zu stellen. Selbstredend rufen linke Journalisten nie zum Boykott auf. Sie sagen nur immer, es gäbe kein Recht auf Applaus für Rechte. Aber was linke Journalisten tatsächlich tun: Aufforderungen sich zu löschen (selbst zu töten?), Rufmord ("degoutanter" Mensch), Denunziation (melden), Entmenschlichung.
  • Fabian Renz, 16.07.2018 09:39 Uhr
    Nachdem Sie gerade einen langen Blog über Tweets von rund einem halben Dutzend Personen verfasst haben und hier sogar auf Tweets verlinken, bin ich zuversichtlich, dass Sie Mittel und Wege finden, sich zu informieren. Viel Erfolg.
  • Karl Wild, 16.07.2018 10:22 Uhr
    Grossartiger Text von René Zeyer. Und basta.
  • Megan O‘Malley, 16.07.2018 13:27 Uhr
    Herr Zeyet, dann sollten Sie Herrn Goethe schon korrekt zitieren: Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“ Und ich unterstütze die Aussagen von Eveline Thurre.
  • Peter Herzog, 17.07.2018 00:16 Uhr
    Einfach, um mal Loew und Zeyer zu informieren: "Lösch dich!" (englisch "Delete your account"), meint genau das: Es ist eine Aufforderung, sein Konto auf dem entsprechenden Sozialen Netzwerk zu löschen. Durchaus kritisch bis beleidigend gemeint, aber ganz sicher kein Aufruf zu Selbstmord. Es sei denn, man glaubt, Edward Snowden hätte Jeb Bush zum Selbstmord aufgefordert (Februar 2016), oder gar Hillary Clinton Donald Trump mitten im Wahlkampf (Juni 2016).
  • Oliver Brunner, 17.07.2018 11:20 Uhr
    Vielen Dank, Herr Zeyer. Ich habe Ähnliches gedacht wie K.W. Zimmermann. Vor allem da in einer Naturkatastrophe zeitgleich in Thailand Dutzende von Toten zu beklagen waren. Ich denke, die "Journalisten" wollten vor allem Marketing für sich selbst machen und zeigen, dass sie auf der "richtigen" Seite stehen. Ich denke, dass ist beim breiten Publikum (wenn es den Sturm in der Journalisten-Blase überhaupt mitbekommen hat) ziemlich schief gelaufen.
  • Norbert Raabe, 17.07.2018 12:20 Uhr
    Eine wertvolle Diskussion.
  • Peter Herzog, 17.07.2018 21:31 Uhr
    "Ich denke, die "Journalisten" wollten vor allem Marketing für sich selbst machen und zeigen, dass sie auf der "richtigen" Seite stehen." – genau das, was Zeyer mit dieser Kolumne auch macht. Nur stellt er sich eben auf die andere Seite. Was man Zeyer, im Gegensatz zu seinem Mitstreiter Ronnie Grob in der Sache, zu Gute halten muss: Im Gegensatz zu Grob erwähnt Zeyer auch den Teil des Tweets, der wirklich kontrovers war, bevor er die Aufregung und Leute, die sich noch an Dingen stören, ins Lächerliche zieht. (Übrigens, Herr Brunner: Warum Journalisten in Anführungszeichen, bei unbestrittenen Profis wie Renz, Wertheimer, Binswanger? Soll das deren Glaubwürdigkeit untergraben?)

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