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Viel versprochen, wenig gehalten

Die Mühlen der Justiz mahlen langsam, jene der Medien sehr schnell. Letztere übernehmen oftmals die Rolle eines Prangers. Medien spielen gerne Richter. Trotz unsicheren Beweislagen kommt es immer wieder zu medialen Vorverurteilungen und «Hinrichtungen». Aus der Unschuldsvermutung kann eine Schuldzumutung werden.

«Am Pranger – wenn Medien richten»: darüber wurde am Dienstag bei Franz Fischlin im «Medienclub» geredet. Hauptthema: Der tief gefallene frühere Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz, der seit 79 Tagen in Untersuchungshaft sitzt. Der Wirtschaftsjournalist Lukas Hässig war der erste, der über die Causa berichtet hatte. Er sagte im «Club»: «Fast wäre es Vincenz geglückt, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Die Gerichte sind nicht auf der Seite der Medien, sie sind auf der Seite der Mächtigen.» Und: «Vincenz und seine Truppe haben vor zehn Jahren durch die UBS-Krise profitiert und Kunden gewonnen. Er hat sich dabei als als populistischer und bodenständiger Banker präsentiert. Man dachte, das ist der einzige gute Banker des Landes.»

Der spannendste und ergiebigste Gast der Sendung war Mark Eisenegger. Der Medienwissenschaftler von der Uni Zürich: «Prominente, die sich besonders stark aus dem Fenster lehnen, tragen das grösste Skandalisierungsrisiko. Vincenz wurde lange abgefeiert. Dadurch entstand eine Fallhöhe, die es für die Medien interessant machte, genau hinzuschauen.» Eisenegger betonte, dass die Problematik der Skandalisierungen auch in diesem Fall nicht auf die Medien reduziert werden dürfe. «Dass Raiffeisen selber Strafanzeige einreichte, war absolut entscheidend.

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Hat Pierin Vincenz noch je eine Chance? Eisenegger: «Das Bild wird in der Hochphase der Skandalisierung gemacht. Vielleicht kommt es zu einem Freispruch. Dann gibt es am Schluss noch ein paar kurze Agenturmeldungen, welche von der breiten Masse der Bevölkerung nicht mehr wahrgenommen werden.» Beeinflusst die Vorverurteilung die Rechtssprechung? Eisenegger dazu: «Das kann sie. Richter konsumieren auch Medien. Anwälte und juristische Personen bespielen die öffentliche Arena zunehmend. Das konnte man beim Kachelmann-Prozess erleben, wo die Staatsanwaltschaft ein zentraler Player war. Sie brachte eine harte Position ein, die von den Medien aufgegriffen wurde. Das hatte eine beeinflussende Wirkung.» Jörg Kachelmann wäre ein interessanter Gast in diesem «Medienclub» gewesen.

Hat die Unschuldsvermutung ihre Unschuld verloren? Mark Eisenegger dazu: «Es gibt eine Tendenz Richtung inflationäre Skandalisierungen. Die Unschuldsvermutung läuft nicht mehr mit, in vielen Berichten kommt sie nicht vor. Es fokussiert sich alles auf eine Person, und man hat das Gefühl, wenn man diese weg hat, sind die Probleme gelöst.» Der Medien-Professor gibt der Politik eine Mitschuld: «Meinungen und Argumente werden zunehmend weniger auf Sachebene ausgetauscht, es wird immer schärfer gegen Kontrahenten geschossen.»

Gast bei Fischlin war ausserdem Geri Müller, alt Nationalrat (Grüne) und abgewählter Stadtammann von Baden. Er hatte 2014 einer Chat-Partnerin Nacktfotos geschickt, die er in seinem Büro im Stadthaus von sich aufgenommen hatte. «Grüsel Geri lässt die Hosen runter», war nur eine der vielen Schlagzeilen. Müller fiel es sichtlich schwer, über seine Geschichte zu reden. Er würde sich heute nicht mehr wie damals in einer Medienkonferenz stellen. «Die Idee war, die ganze Sache zu stoppen, das gelang aber nicht.» Müller über seine letzten Jahre: «Man muss sich selber wieder das Bild holen, das man verloren hat. Das ist Arbeit, und das ist mir schon längere Zeit gelungen.»

Die Psychologin Ruth Enzler erzählte, wie sie vor zwei Jahren selbst zur medialen Zielscheibe geworden war («Dreckspiele beim ACS»). Als Präsidentinder Zürcher ACS-Sektion hatte sie sie insgeheim darauf hin gearbeitet, den Präsidenten des ACS Schweiz abzuwählen. Ansonsten hatte Enzler nur wenig zum Diskussionsthema beizutragen.

Viele, in der Progrommvorschau teils angekündigte Fragen, wurden in dieser Sendung nicht diskutiert: Wie können einfache Bürger sich wehren und rehabilitieren? Gibt es das Vergessen im Internetzeitalter? Wie gerecht werden die Medien ihrer Funktion als Vierte Gewalt? Wie weit kann die Wahrheitssuche durch Vorverurteilungen behindert werden? Gibt gefundenes Fressen noch mehr Hunger? Neben Lukas Hässig hätte mindestens ein weiterer Journalist oder eine weitere Journalistin in diese Runde gehört.


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