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Bundesräte haben «Kä Luscht» aufs Fernsehen

Mit Verlaub gesagt: Wenn es um Auftritte in SRF-Politsendungen geht, hocken unsere Bundesräte auf einem hohen Ross. Ich hatte es an dieser Stelle schon in meiner Kritik über den neuen Polit-Talk «Rundschau Spezial» geschrieben: in dieser Sendung hätte Alain Berset im Interview bei Sandro Brotz und Susanne Wille zur Rentenreform Stellung nehmen müssen. Der Bundesrat liess beim Schweizer Fernsehen absagen.

Unsere Magistraten mögen sich im Fernsehen nicht äussern, bevor ein Geschäft verabschiedet ist. Sie wollen angeblich politischen Prozessen nicht vorgreifen. Warum eigentlich nicht? Es glaubt wohl niemand im Ernst, Parlamentarier liessen sich vor einer Abstimmung durch den TV-Auftritt eines Bundesrates am Abend davor beeinflussen oder umstimmen. Trotz permanent vollem Terminkalender und bei allem Respekt: Zum Amt eines Bundesrates gehört es auch, sich ab und zu in Politsendungen zu «stellen» und über die wichtigsten Geschäfte und Vorlagen zu informieren. Und diese dem Volk mit klaren Worten zu erklären. Das nicht nur in der «Arena». Auch in der «Rundschau». Und bei «Schawinski». Ebenso in Talks von grossen Regionalsendern. Dass die Schwergewichte im wenig beachteten dienstäglichen Valium-«Club» nicht auftreten mögen, ist mehr als verständlich.

Warum machen sich unsere Magistraten im Fernsehen so rar? Ich schiebe das mal ihren Kommunikations-Heeren in die Schuhe. Nebenbei: Darunter befinden sich ehemalige SRF-Journalisten. Die Berater sollten der Öffentlichkeit mal erklären, warum sie ihre Chefs vor dem Fernsehen «beschützen» wie eine Bärenmutter ihre Jungen in der freien Natur. Der grösste TV-Verweigerer der Landesregierung ist bekanntlich Ueli Maurer («Nei, kä Luscht»). Er hält nicht viel von Fernsehjournalisten. Schawinski zum Beispiel bezeichnete er einst als «narzisstisch».

Es gibt auch Parlamentarierinnen und Parlamentarier, die sich vor gewissen TV-Talks fürchten. Allen voran ausgerechnet Natalie Rickli, die vor Roger Schawinski zittert und dessen Einladungen für ein Eins-zu-eins-Gespräch stets hartnäckig ablehnte. Merke: Christoph Blocher, das grosse Idol der SVP-Nationalrätin, kam nach hitzigen Streitgesprächen immer heil und souverän aus dem Schawinskis Studio.

Schauen wir doch mal, wie es die Regierungsmitglieder unseres Nachbarlandes Deutschland mit TV-Auftritten halten. An vier Tagen die Woche senden ARD und ZDF politische Talkshows: «Anne Will», «Hart aber fair», «Maischberger» und «Maybritt Illner». Zu den häufigsten Gästen gehören: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, Innenminister Thomas de Maizière, Justizminister Heiko Maas, Sozialministerin Andrea Nahles oder Kanzleramts-Chef Peter Altmaier.

Allein letzte Woche waren von der Leyen und de Mazière in zwei verschiedenen Talkshows zu sehen. Auch Finanzminister Wolfgang Schäuble ist sich nie zu schade fürs Fernsehen. Angela Merkel erklärte letztes Jahr in einem Solo-Auftritt bei «Anne Will» ihre Flüchtlingspolitik. Und sprach unlängst in der selben Sendung über ihre Entscheidung, erneut als Bundeskanzlerin zu kandidieren. Wie schon Gerhard Schröder und seine Crew packen Merkel und ihre Ministerinnen und Minister die Chance und betrachten es als Pflicht, dem Volk im Fernsehen ihre Politik zu erklären. Respekt. Das ist moderne Kommunikation. Und solche Auftritte sind in der heutigen Zeit wichtiger denn je.

Also, geschätzte Damen und Herren im Bundesrat: Zeigen Sie sich bitte häufiger im Fernsehen. Nicht nur an fröhlichen Anlässen vor den Kameras von «Glanz & Gloria», sondern auch in TV-Studios, in denen faire politischen Meinungsstreits ausgetragen werden. Die Zeiten der lammfrommen und langweiligen Sendung «Classe Politique» sind vorbei. Zum Glück. Sie müssen mit Ihren TV-Auftritten ja nicht gerade so übertreiben wie Ihr österreichischer Kollege Wolfgang Sobotka. Bei der hart umkämpften Bundespräsidenten-Wahl im Dezember 2016 flog der Innenminister und oberste Wahlleiter noch vor Auszählung aller Stimmen von Wien nach Berlin. Um an der Talkshow von «Anne Wille» teilzunehmen.


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