07.12.2017

Gender Diversity

Vorurteile verhindern Frauen im Kader

Frauen sind im Beruf häufig benachteiligt. Schuld daran seien Vorurteile, sagt die international renommierte Genderexpertin und Harvard-Verhaltensökonomin Iris Bohnet. Am Dienstag war sie bei Tamedia. Zum Referat kamen auch Männer – darunter CEO Christoph Tonini.
Gender Diversity: Vorurteile verhindern Frauen im Kader
Iris Bohnet stellt ihr neu in Deutsch erhältliches Buch bei Tamedia vor. (Bild: zVg.)
von Edith Hollenstein

Bei der Einstellung, beim Lohn, bei der Beförderung: in verschiedenen Bereichen sind Frauen benachteiligt. Grossen Anteil daran haben Vorurteile. Unbewusste Normen verhindern, dass Vorgesetzte bei der Beurteilung nicht oder zu wenig auf die Fachkompetenz von Mitarbeitenden achten.

Wie kann man das Denken in Stereotypen auschalten? Antworten und Tipps gibt Iris Bohnets neustes Buch «What works». Es wurde von der «Financial Times» als eines der sechs wichtigsten «Business Books of the Year 2016» nominiert. Nun ist es auf Deutsch erhältlich.

Am Dienstag referierte die international bekannte Gleichstellungsexpertin in Zürich. Auf Einladung der Tamedia-internen Initiative «Womens Network» hielt die 51-Jährige einen 40-minütigen Vortrag. Mit dabei waren auch einige männliche Mitarbeiter, darunter Christoph Tonini, Serge Reymond und Marcel Kohler aus der allerobersten Führungsetage.

Als eines der wichtigsten Mittel zu mehr Frauen in Führungspositionen bezeichnete Bohnet die Prozessdiagnose. Organisationen müssten Fragen stellen wie: Können Frauen bei uns tatsächlich mitgestalten? Erlaubt es unsere Firmenkultur, dass Mitarbeitende ihr ganzes Selbst mit zur Arbeit nehmen können? Werden bei uns schmutzige Witze gemacht oder Leute beim Sprechen unterbrochen? Zu diesen Fragen müssten Firmen Analysen durchführen, damit sie sicherstellen könnten, dass die Rahmenbedingungen im Unternehmen fair sind und nicht von Vorurteilen dominiert.

Bohnet zeigte vor rund 100 Zuhörenden auf, wie verschiedene Massnahmen zu mehr Diversity verhelfen, darunter folgende:

1. Jobinserate intelligent verfassen, und auf Bildsprache achten

Stelleninserate sollten so formuliert sein, dass sich beide Geschlechter angesprochen fühlen. Wenn etwa ein Inserat sprachlich zu stark auf Frauen ausgerichtet ist, melden sich keine männlichen Bewerber. Bohnet spricht hier Klartext: «Wollen Recruiter nicht einfach 50 Prozent der Bewerber abschrecken und aus dem gesamten Bewerber-Pool auswählen, sollten sie darauf verzichten, unintelligente Stelleninserate zu verfassen».

Abb 3

Beim Auswählen von Symbolbildern sei darauf zu achten, in welchen Rollen Frauen oder Männer abgebildet sind. Bohnet rät, darüber nachzudenken, welche Botschaft damit ausgesendet wird.



2. Mit Studien, Zahlen und Fakten argumentieren

Um unsere unbewussten Vorurteile deutlich zu machen, führt Bohnet wie man sich von Wissenschaftlern gewohnt ist, nicht einfach persönliche Anekdoten an, sondern sie zitiert mehrere Studien. Darunter das breit bekannte Orchester-Experiment, bei dem Musiker und Musiker hinter einem Vorhang «blind vorspielen» mussten, sodass die Jury die Bewerber nur aufgrund ihrer Vorspielqualität beurteilen konnte – ohne einen Eindruck von ihrem Äusseren zu bekommen. «Dieser Vorhang hat die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau in die nächste Runde kam, um 50 Prozent erhöht», sagt Bohnet.



3. Quote schafft Vorbilder

«Seeing is believing». Diese Worte äussert Bohnet in ihrem Referat gleich mehrfach. Wen, welche Personen, wir in welchen Rollen sehen, spiele eine wichtige Rolle bei der Frage, in welche Richtung sich ein Individuum oder eine Organisation weiterentwickele. Daher sollten Firmen oder Schulen überprüfen, was für Fotos oder Gemälde sie an den Wänden hängen haben. Eine Institution, die mehr Diversity erreichen wolle, solle die Bürowände auch mit Abbildungen von Ingenieurinnen, Forscherinnen oder Kindergärtnern schmücken. 

Abb 1

Bohnet

Bohnet macht darauf aufmerksam, dass über die unterschiedliche Art und Weise der Darstellung alternative Sichtweisen und damit alternatives Verhalten erreicht werden können. Als Beispiele nennt sie zwei unterschiedliche Darstellungen von Ernährungsempfehlungen oder dem Frauenanteil in Unternehmen (siehe Fotos oben). 

Bohnet, die erste Schweizerin mit einer Harvard-Professur, macht keine Empfehlung bezüglich den immer wieder diskutierten Quoten für Frauen in Führungsetagen. Durch und durch Wissenschaftlerin wie sie ist, nennt sie das eine, wie auch das andere:

Ein Nachteil sei, dass Frauen als Quotenfrauen wahrgenommen werden. Das wollten viele nicht. Demgegenüber sei es ein Vorteil, wenn durch Quoten Frauen als Ingenieurinnen, Physikerinnen, Kranführerinnen oder CEOs selbstverständlich werden. Und diese Bilder prägten dann die künftige Wirklichkeit. Denn eben: «Seeing is believing».

 


Iris Bohnet (*1966) ist Verhaltensökonomin und Professorin für Public Policy an der Harvard Kennedy School in Cambridge, Massachusetts. Seit 2012 ist sie Verwaltungsrätin der Credit Suisse. Die gebürtige Luzernerin sitzt im Beirat mehrerer Start-ups, die Software für Personalrekrutierungsverfahren entwickeln. 

 

 

 

 



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