19.04.2017

NZZ-Gruppe

«Wir hatten verschiedene technische Probleme»

NZZ.at, das Digitalprodukt der NZZ für Österreich, rentiert definitiv nicht. Bereits Ende April wird es eingestellt. Fünf Mitarbeiter erhalten die Kündigung. «Wir haben es ernsthaft versucht und hart dafür gearbeitet», verteidigt sich NZZ-CEO Veit Dengler.
NZZ-Gruppe: «Wir hatten verschiedene technische Probleme»
Veit Dengler am Swiss Media Forum 2016 im KKL in Luzern (Bild: Keystone/Urs Flüeler)
von Edith Hollenstein

Gerüchte gab es schon länger, nun zieht die NZZ den Stecker und beendet das Projekt NZZ.at. «Mit viel Herzblut und einem engagierten Team haben wir als Erste in Österreich ein digitales Bezahlangebot lanciert. Wir haben es mehrmals weiterentwickelt, dennoch blieb es hinter unseren Erwartungen», lässt sich Veit Dengler, CEO der NZZ-Mediengruppe in einer Mitteilung zitieren. Das Medienunternehmen habe nun entschieden, das Bezahlprodukt NZZ.at Ende April einzustellen.

Herr Dengler, was war schliesslich das Tüpfchen auf dem i zur Schliessung von NZZ.at?
Da gab es keinen Aha-Moment. Medienprodukte sind Gewohnheitsprodukte. Es ist klar, dass sie nicht über Nacht zum Erfolg werden. Das zu erwarten, wäre unseriös.

Sondern?
Wir haben es ernsthaft versucht und hart dafür gearbeitet. Seit wir NZZ.at auf unsere gruppenweite Technologie- und Marketingplattform migriert haben, sind die Nutzerzahlen stetig gestiegen – aber doch zu langsam. Deshalb haben wir uns entschieden, das Produkt einzustellen. Zur Innovation gehört es auch, etwas zu schliessen, wenn es nicht den gewünschten Erfolg bringt.

Wo gab es die grössten Herausforderungen zu bewältigen?
Vor allem am Anfang hatten wir verschiedene technische Probleme. Heute bauen wir keine technisch isolierten Produkte mehr, sondern integrieren alle neuen Angebote in unsere bestehende technische Infrastruktur. 2014 waren wir technologisch schlicht noch nicht so weit. Ausserdem ist es anspruchsvoll, ein digitales Bezahlangebot in einem Markt zu etablieren, in dem es keine solchen Angebote gibt.

Wie viele zahlende Abonnenten hatte NZZ.at maximal und am Schluss?
Dazu gebe ich keine Auskunft.

Nun hat die NZZ mit nzzas.ch kürzlich wieder ein digitales Bezahlprodukt lanciert. Welche Erfahrungen helfen, dass dieses erfolgreicher wird als dasjenige in Österreich?
NZZaS.ch ist ein Zusatzangebot für die Abonnenten der «NZZ am Sonntag». Dieser Kanal wird aus der bestehenden Redaktion heraus bespielt. Es ist also nicht vergleichbar mit dem eigenständigen digitalen Bezahlangebot NZZ.at. Wir haben bei NZZ.at aber viel gelernt und viele Erfahrungen gesammelt, die wir jetzt in der ganzen Gruppe nutzen können.

Aufgrund dieses Entscheids wird bis Ende September fünf Mitarbeitern von NZZ.at gekündigt. Den Standort Wien behält die NZZ-Mediengruppe bei. Ihre Internationalisierungsstrategie will die NZZ beibehalten.

NZZ.at lancierte die NZZ-Mediengruppe im Januar 2015. 



*Veit Dengler hat die Fragen schriftlich beantwortet.



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Kommentare

  • Dieter Froehlich, 19.04.2017 12:20 Uhr
    Das war ja eh von Anfang an klar, dass man auch mit dieser Bieridee von V. Dengler auf die Nase fällt. Interessant nur, dass der offensichtlich naive NZZ VR dies damals durchgewunken hat.
  • Arthur Meyer, Wien, 19.04.2017 16:51 Uhr
    Die NZZ hat nicht nur "viel Herzblut", sondern noch viel mehr Geld in ihr uneheliches Wiener Kind gesteckt (Geld, notabene, das sie zum Schaden des eigenen Stammblatts dann andernorts - etwa bei ihrem Inland-Korrespondentennetz - einzusparen suchte). Gescheitert war das Experiment von Anfang an: Ich kannte in Wien keinen einzigen regelmässigen Leser. Es gab in der Öffentlichkeit nie irgendwelche Diskussionen, die von nzz.at ausgelöst oder beeinflusst worden wären. Das digitale Blatt wurde auch nie irgendwo zitiert; es wurde schlicht und einfach nicht zur Kenntnis genommen - oder, wie man in Wien sagt: "nicht einmal ignoriert". Da half auch nicht, dass man während Wochen Internet-User mit österreichischem Server, die "nzz.ch" gewählt hatten, ungefragt und automatisch auf "nzz.at" umleitete und damit lediglich Stammleser des Zürcher Blatts verärgerte. Aufzwingen lässt man sich in Wien schon gar nichts. Das hätte Herr Dengler als Österreicher eigentlich wissen müssen. So bleibt es dabei: nzz.at war ein teurer verlegerischer Fehlentscheid, der eigentlich nach Konsequenzen rufen müsste!
  • Josef Kaltenböck, 19.04.2017 17:10 Uhr
    Gerfried Sperl, pensionierter Chefredakteur der Wiener Zeitung "Der Standard", schreibt zum Ende von nzz.at (interessanterweise im Leserbriefteil der Internetausgabe seines einstigen Blatts): "Wenn man Anita Zielinas publizistischer Interpretation des Scheiterns folgt, ist der Konkurs einer Zeitung oder eines Online-Portals die erfolgreichste Form der Innovation."
  • Anton Moser-Breitenstein, 19.04.2017 17:16 Uhr
    Und wieder - wie bei der gescheiterten Fusion von AUA und Swissair oder beim Desaster der Migros mit dem Übernahmedeal von Konsum Österreich - lacht man sich in Wien über die "tumben Schweizer" ins Fäustchen...
  • Jürg Dedial, 19.04.2017 23:07 Uhr
    Es war kein Fehltritt "tumber Schweizer", sondern die Schnapsidee austro-bajuwarischer Neophyten in der Chefetage der NZZ. Wer dieses Unternehmen kennt, wusste von Anfang an, dass ein solcher Unsinn nicht funktionieren kann. Dengler und Co. wurden darauf aufmerksam gemacht, dass NZZ.at nie funktionieren würde. Aber sie wussten es besser, verschleuderten Millionen - und werden nun weitermachen wie gewohnt. Wann wird Dengler endlich in die Wüste geschickt?
  • Robert Weingart, 20.04.2017 07:31 Uhr
    Nun solls also die Technik - wohl unter anderem - gewesen sein. Die NZz ist doch eine Verfechterin der Marktwirtschaft und deds Freisinns, oder nicht? Darum wäre es nun folgerichtig, dass auch in der Chefetage die Konsequenzen gezogen werden. Zeit, dass Dengler den Posten räumen muss.

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