03.06.2016

Mockumentary

Wie zwei Studenten mit einem Fake-Event einen Medienhype auslösen

Eine GoKart-Crew machte in den letzten Wochen Zürich unsicher und wollte nun ein öffentliches Rennen veranstalten. Doch der Event, über den «20 Minuten», «Watson», «TeleZüri» oder «Stern» berichteten, hat so nie stattgefunden: WD40 war das Bachelorarbeitprojekt von zwei ZHdK-Studenten.
Mockumentary: Wie zwei Studenten mit einem Fake-Event einen Medienhype auslösen
von Sonja Gambon

März 2016: Auf Facebook taucht ein gewisser Luis Lienhard in der Zürcher Nachtszene auf.  Er vernetzt sich mit DJs und Clubbesitzern und postete Bilder von den angesagtesten Partys und Events. Langsam wächst sein Freundeskreis auf über tausend Personen an.

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Plötzlich finden sich an bekannten Plätzen in Zürich wie der Langstrasse oder dem Helvetiaplatz vereinzelte Gokarts. Diese schaffen es auf Instagram, unter anderem auf den Account von SRF-Moderator Reeto von Gunten.

Doch gehören die Fahrgestelle? Der GoKart-Crew WD40, wie sich kurze Zeit später herausstellt. Diese treibt seit einiger Zeit ihr Unwesen auf Zürichs Strassen, lässt sich von Trams die Strasse hochziehen und fährt mit 50 km/h durch die Strassen.

Durch einen Leserreporter aufmerksam gemacht, berichten nationale und internationale Medien über die «Fahrgemeinschaft». Die Videos werden von «Blick», «Watson», «20 Minuten», «LikeMag», aber auch «Stern», und dontpaniconline.com aus den UK aufgenommen und geteilt. Auch regionale Fernsehsender wie «Tele Züri», «Tele M1» und «TeleTop» berichteten. 

Wo aber liegt nun die Verbindung von Lienhard und WD40? Das Rätsel löst sich kurze Zeit später, als Lienhard eine Dokumentation über die Gang veröffentlicht. Er habe die Chance erhalten, die Crew zu begleiten, schreibt er dazu.

Gleichzeitig wird auf Facebook ein Event erstellt: «Der Wilde Werner – Rave & Ride» ist ein öffentliches GoKart-Rennen. Der Ort ist unbekannt. Der Ersteller des Events ist Wilder Werner, Lienhard zeigt sich aber in Kommentaren als Unterstützer der Aktion. Mittlerweile haben sich über die offizielle Webseite über 80 Personen für den Event am 10. Juni angemeldet, auf Facebook wurden 1600 Personen eingeladen.

Doch dieses Rennen wird nie stattfinden. Denn es gibt weder die GoKart-Gang noch Luis Lienhard oder den Wilden Werner. Bei der Inszenierung handelt es sich nämlich um die Bachelorarbeit zweier Cast-Studenten der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK).

«Wir wollten auf das ‹Fear of missing out›-Phänomen aufmerksam machen», erklärt der Student Alun Meyerhans gegenüber persoenlich.com. Dies sei ein Phänomen, das viele junge Leute betreffe. Die Kreation eines urbanen Mythos unterstreiche dies, zudem würden sich die beiden Phänomene gegenseitig verstärken. Das ungute Gefühl, etwas verpasst zu haben, sollte so mobilisiert werden. Wie sie dies gemacht haben, ist im Video zur Case Study ersichtlich.

«Wir haben alles von Anfang an akribisch genau geplant – die Erstellung des Fake-Profils, der Videos oder des Events», erzählt der zweite im Bunde, Michael Schwendinger. Auch der Leserreporter, der das Ganze ins Rollen gebracht hat, sei inszeniert gewesen. So hat eine vermeintliche Ursula Beckert einen handgeschriebenen Brief an Ringier geschrieben, in dem sie beschreibt, was sie gesehen hatte.

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Dass eine fiktive Geschichte so viel Resonanz auslösen könnte, war den beiden aber dann doch fast etwas zu viel. «Da war uns schon etwas mulmig zumute», gibt Meyerhans zu. Doch die Unterstützung der Schule und ihres Betreuers habe sie motiviert, dabei zu bleiben.

Über die gelungene Platzierung der Geschichte und der damit verbundenen Durchschaubarkeit der Medienarbeit zeigt sich auch eine Kritik. «Es ist wirklich alles genau so abgelaufen, wie wir es geplant hatten», zeigt sich Schwendingen überrascht. «Wir streuten die Geschichte extra an einem Feiertag, da wir davon ausgingen, dass dann das Tagesgeschäft nicht so viel hergibt. Und prompt wurde die Story von allen aufgenommen.»

Was die beiden allerdings verwunderte, war die Passivität der Medien. Trotz Telefonangaben habe kein einziger Journalist direkt nachgefragt. «Es schien so, als ob die Medien die Geschichte einfach verbreiten wollten, egal ob sie echt ist oder nicht.»

Die «Mockumentary» wird nun mit Abschluss der Arbeit aufgelöst. Die Personen, die sich für das erfundene GoKart-Rennen am 10. Juni angemeldet haben, bekommen eine persönliche Mail und eine Einladung an die Vernissage.

Bilder: zVg/Nicholas Büchi ZHdK



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Kommentare

  • Tommaso Porzio, 03.06.2016 07:19 Uhr
    Brilliant! Gaaanz grosses Kino.
  • Yves Seiler, 03.06.2016 08:54 Uhr
    Bravo.
  • Sandro Prezzi, 03.06.2016 08:55 Uhr
    Kein Wunder will niemand mehr für den heutigen Journalismus bezahlen - denn er ist auch nichts wert, wie man sieht. Bravo für die Studenten, die in der Werbung einen guten Job finden werden. Die Chefredaktoren und Medien-Manager müssen aber über die Bücher - echter Journalismus sieht anders aus.
  • Martin Zimper, 03.06.2016 09:30 Uhr
    Der Artikel und die Kommentare freuen mich. Die beiden sind Absolventen der Fachrichtung Cast/ Audiovisuelle Medien an der ZHdK. Die Diplomarbeit wurde übrigens mit "exzellent" bewertet. Für 2017 planen wir die Etablierung eines DigitalStorytellingLabs. Stay tuned!
  • Jan, 03.06.2016 10:19 Uhr
    "Wag the dog" in Züri. Schönes Ding.
  • Carla D, 03.06.2016 11:23 Uhr
    Und persoenlich.com bauscht das ganze nochmal auf :-) 1600 mal "geteilt" auf facebook ist falsch, so viele wurden "eingeladen" (vermutlich) von den veranstaltern.. Wobei 80 zugesagt haben, was nicht viel ist.
  • Marc Uricher, 03.06.2016 14:36 Uhr
    Glückwunsch, das hat Potential für den Crossmedia Award 2016!
  • Andy Fischer, 03.06.2016 15:09 Uhr
    meine Bewunderung hält sich in sehr sehr engen Grenzen. Warum so viel Lob für eine arglistige Täuschung?
  • Anna Nymus, 06.06.2016 12:53 Uhr
    @Andy Fischer: Weil es zeigt wie einfach man die Medien in seinem Sinne manipulieren kann. Was die Studenten gemacht haben, geht ohne viel Geld und Einfluss. Wenn man das beides auch noch hat, wird es noch einfacher: Twitter-Bots kaufen, die Themen trenden oder Facebook-Freunde kaufen, die einen Like setzen. Und wenn dann keiner mehr hinterfragt, sondern nur noch kopiert, ist Manipulation Tür und Tor geöffnet.

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