10.01.2018

Roger Schawinski

«SonntagsZeitung» entschuldigt sich für Wortwahl

Nach einem Gastbeitrag von Satiriker Andreas Thiel über das «No Billag»-Buch rechtfertigt sich die SoZ, wie es dazu kam. Chefredaktor Arthur Rutishauser gesteht Fehler beim Redigieren ein. Derweil prüft Schawinski das weitere Vorgehen.
Roger Schawinski: «SonntagsZeitung» entschuldigt sich für Wortwahl
Roger Schawinski, hier während eines Streitgesprächs an der Dreikönigstagung, nervt sich über einen Beitrag von Andreas Thiel in der «SonntagsZeitung». (Bild: Keystone/Gaetan Bally)
von Christian Beck

Ein Meinungsbeitrag von Satiriker Andreas Thiel in der «SonntagsZeitung» lässt das Blut in den Adern von Roger Schawinski noch heute kochen. An der Dreikönigstagung vom Dienstag steuerte Schawinski in der Mittagspause aufgebracht auf Tamedia-Verleger Pietro Supino zu und wusch diesem den Kopf.

Was ist passiert? Im Kulturteil der letzten «SonntagsZeitung» befasste sich Thiel mit dem neuen Schawinski-Buch «No Billag?». Schawinski versuche im Buch seine Gegner als Rassisten oder sonst welche «Extremisten», und zwar «aus dem ganz rechten Lager», hinzustellen. «Dabei erinnern gerade solche Tiraden an die Sprache des Dritten Reichs», schreibt Thiel wörtlich. Oder: «Wäre Schawinski nicht so belesen, müsste man annehmen, ihm sei nicht bewusst, dass er hier eine Anleihe bei der Nazipropaganda macht. Nach dem Philologen und Holocaustüberlebenden Victor Klemperer – der die Rhetorik des Dritten Reichs zerlegt hat wie kein anderer – war der von den Nazis allen Juden angedichtete ‹abgrundtiefe Hass› ein Hauptmotiv der Judenhetze.» Der Versuch, ganz normalen Menschen mit anderen Absichten das Wort «Hass» unterzujubeln, sei hässlich.

Thiels Meinungsbeitrag sorgte noch am Sonntag für diverse Reaktionen auf Twitter.

Am Montag wurde Schawinski in der TV-Sendung «TalkTäglich» von Moderator Markus Gilli auf Thiels Artikel angesprochen. «Über Herrn Thiel will ich gar nichts sagen», so Schawinski. Fuhr dann aber weiter: «Schlimm finde ich, dass die ‹SonntagsZeitung› mir Nazi-Rhetorik unterstellt und mich als Rassist bezeichnet. Das wird noch Folgen haben.» Es sei ein Zeichen der Zeit, dass «jeder Boden des Anstandes» verlassen worden sei.

Zu Thiel sagte Schawinski dann doch noch etwas: «Er weiss weniger über die Medien als über den Islam.» Schawinski spielte damit auf seine eigene Talkshow mit Thiel von Ende 2014 an, die komplett aus dem Ruder lief (persoenlich.com berichtete).

Ob Thiels Beitrag in der SoZ rechtliche Folgen haben wird, hat Schawinski noch nicht entschieden. Auf Anfrage von persoenlich.com sagte er: «Ich prüfe das weitere Vorgehen.»

«Ein überraschender Zugang zum Thema»

Warum aber ist der Gastbeitrag von Andreas Thiel überhaupt in der «SonntagsZeitung» erschienen, wenn man doch weiss, dass Thiel und Schawinski nicht die besten Freunde sind? «Nachdem Roger Schawinski am Samstag sein Buch vorstellen konnte, wählten wir für den Sonntag einen anderen, sowohl überraschenden wie kritischen Zugang zum Thema, um die Debatte weiterführen zu können», sagt Arthur Rutishauser, Tamedia-Chefredaktor Deutschschweiz und gleichzeitig Chefredaktor der SoZ, gegenüber persoenlich.com.

Die SoZ habe schliesslich Thiel darum gebeten, einen Meinungsbeitrag zu Schawinskis Buch zu schreiben. «Wir redigieren bei prominenten Gastautoren generell sehr zurückhaltend, weil wir ja eben die Meinung des Gastautors bringen wollen, auch wenn sie mit unserer nicht übereinstimmt», so Rutishauser. Schawinski sei in der Folge angeboten worden, eine Replik auf Thiels Text zu verfassen. «Was Nazi-Vergleiche anbetrifft bin ich generell für Zurückhaltung. Das ist ein viel zu ernstes Thema für eine No-Billag-Kontroverse», sagt Rutishauser weiter. Er gesteht ein, dass diese Passage hätte herausredigiert werden müssen, obwohl es sich um einen Gastbeitrag handelte. «Dass dies nicht geschehen ist, ist ein Fehler, und dafür entschuldige ich mich.»

«Schawinski wollte Einfluss nehmen»

Weiter sagte Rutishauser zu persoenlich.com, dass Schawinski direkten Einfluss darauf habe nehmen wollen, wer sein Buch besprechen dürfe. «Daran haben wir uns als unabhängige Redaktion natürlich nicht gehalten. Die Beeinflussungsversuche gingen so weit, dass Schawinski dem Verlag verboten hat, uns ein Rezensionsexemplar zu schicken.»

«Diese Darstellung ist falsch», entgegnet Schawinski. «Damit will Rutishauser eine gravierende journalistische Fehlleistung durch die Beauftragung des Kabarettisten Andreas Thiel für die Rezension meines Buches zum aktuell brisantesten Thema des Landes vertuschen.» Richtig sei: Ein Kulturredaktor (Name der Redaktion bekannt) habe vom Verlag Wörterseh ein Rezensionsexemplar zugeschickt erhalten. Zudem habe ein weiteres SoZ-Redaktionsmitglied auf Verlangen hin auch sogenannte Druckfahnen zugestellt erhalten, unter Zusicherung der Einhaltung einer Sperrfrist.

Diese Unterlagen seien dann an den «Weltwoche»-Kolumnisten Thiel weitergereicht und auf diesem Weg zur «Weltwoche» gelangt, die am letzten Donnerstag die Sperrfrist gebrochen habe, mutmasst Schawinski. Dies stelle eine gravierende Missachtung des Prinzips von Treu und Glauben dar und «weist auf eine erschreckende Verluderung von journalistischen und gesellschaftlichen Prinzipien» bei der SoZ hin. «Dass Tamedia-Superchefredaktor Arthur Rutishauser dies nun zu vertuschen versucht, ist ein Beleg für die heute herrschende Kultur bei der ‹SonntagsZeitung›, für die ich während Jahren Woche für Woche als Kolumnist tätig war», wettert Schawinski. Die beschuldigten Redaktoren weisen gegenüber persoenlich.com diese Darstellung ausdrücklich zurück.

Weiter sagt Schawinski: «Auf das Angebot der ‹SonntagsZeitung›, eine Replik auf den unsäglichen Text von Thiel zu schreiben, verzichte ich. Das ist die übliche Köppel-Methode, auf die ich nicht hereinfalle», so Schawinski.

Die Diskussionen dürften damit noch nicht beendet sein.



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Kommentare

  • Oliver Brunner, 10.01.2018 16:52 Uhr
    Wer hat's erfunden. Etwas besseres als dieser "Nazi-Shitstorm" hätte dem im doppelten Sinn dünnen Büchlein gar nicht passieren können. Sperrfristen sind etwa so sinnlos wie wenn man im Interview sagt, "das ist aber off-the-record". Mein damaliger Chefredaktor meinte: Damit will der Interviewte sagen, dass er dies unbedingt in der Zeitung lesen will.
  • Schilter Patrick, 10.01.2018 17:11 Uhr
    Schawinski hier, Schawinski da .... geht es jetzt bei der No-Billag-Initiative für die restlichen zwei Monate nur noch um Schawinski? Der wieder einmal über rechtliche Schritte nachdenkt? Ich möchte nicht ständig über Schawinski lesen. Kann man das nicht irgendwie abstellen?
  • Oscar Neira, 10.01.2018 18:16 Uhr
    Klar kann man den Schawinski abstellen nämlich indem Sie der Initiative zustimmen. Ich finde es interessant, wie Medienexperten von gestern das Heute erklären wollen. Ausser als unabhängige Nachrichten will ich sonst nichts von der SRG. Der Rest kann ich mir sonstwo (kostenlos, günstiger) besorgen. Für einen unabhängigen Journalismus würde ich auch eine Streaming Gebühr bezahlen. Aber nur solange wie ich denke, dass sie auch unabhängig sind. Sobald ich denke sie sind es nicht mehr, will ich so abstimmen wie man das in einem freien Land und Markt so tun kann, indem ich nicht mehr dafür bezahle.
  • Sabrina Ritter, 10.01.2018 22:26 Uhr
    Man kann, indem man Artikel die "Roger Schawinski" im Titel haben nicht liest. So einfach ist das!
  • Dieter Widmer, 11.01.2018 09:23 Uhr
    Roger Schawinksi zählt nicht zu meinen Freunden. Aber was sich die SonntagsZeitung ihm gegenüber geleistet hat, indem sie den abgehalfterten Thiel für die Buchbesprechung engagiert widerspricht den Anforderungen einer Qualitätszeitung. Das ist wirklich Weltwoche-Stil. Chefredaktor Rutishauser musste ja damit rechnen, dass Thiel auf den Mann zielen wird.

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