17.04.2017

Tamedia

«Jährlich sind über 1000 Start-ups auf dem Radar»

Wie Trendscouts spüren Experten der Mediengruppe erfolgsversprechende Start-ups auf. Es gilt dabei sprichwörtlich die Nadel im Heuhaufen zu finden. Andreas Schlenker, Leiter Fusionen und Akquisition, sagt, wann es sich lohnt, bei einem Start-up – wie beispielsweise Book A Tiger – zu investieren.
Tamedia: «Jährlich sind über 1000 Start-ups auf dem Radar»
Andreas Schlenker, Leiter M&A und Projekte im Bereich Classifieds, Marketplaces & Ventures: «Manchmal merkt man schon nach ein paar Sekunden oder Minuten, dass ein Start-up nicht zu uns passt.» (Bild: Tamedia)
von Christian Beck

Herr Schlenker*, fieberhaft suchen Sie nach passenden Start-ups. Warum gründet Tamedia nicht einfach selber eines?
Das ist eine gute Frage. Grosse Unternehmen haben bislang nicht bewiesen, dass sie selber erfolgreiche Start-ups entwickeln oder launchen können. Alle erfolgreichen Start-ups waren unabhängig – ob jetzt nun Google, Airbnb, Uber oder hier in der Schweiz unser eigenes Doodle in den Anfängen. Es waren Gründer, die kreative Ideen hatten und ihre Anteile in die Start-ups investierten. Das sind nicht Angestellte, sondern Gesellschafter. Da gibt es keine politischen Machenschaften und keine langen Entscheidungswege. Ein Start-up ist ein kleines, agiles Unternehmen.

Stattdessen investiert Tamedia in Start-ups, verkauft also nicht nur Zeitungen, sondern putzt auch noch die Wohnung. Wie geht das zusammen?
Tamedia hat vor über zehn Jahren entschieden, viel stärker in den digitalen Bereich zu investieren. 2016 trugen die publizistischen und kommerziellen digitalen Angebote erstmals über die Hälfte des operativen Ergebnisses von Tamedia bei. Ein Grossteil davon stammt von Unternehmen, in die wir investierten (persoenlich.com berichtete). In das Start-up Book A Tiger im Speziellen, das Sie ansprechen, haben wir 2014 investiert. Der Fakt, dass es um Reinigungskräfte geht, war dabei sekundär. Das Gesamtpaket hatte uns überzeugt.

Hat sich das Investment gelohnt?
Für Tamedia ist Book A Tiger bis anhin ein gutes Investment – wir sind hier aber nicht die einzigen Investoren. Das Unternehmen expandiert sehr stark und wir haben es auch mit in die Schweiz reingebracht. Und hier funktioniert Book A Tiger sehr gut. Das Modell in der Schweiz war ein anderes als in Deutschland. Dieses erwies sich aber als so erfolgreich, dass wir das Schweizer Modell schliesslich in Deutschland adaptierten.

Wie stark können Sie operativ überhaupt mitentscheiden?
Als Investor sind wir im Verwaltungsrat vertreten. Wir sind daher involviert bei strategischen Themen und stehen bei Bedarf unterstützend zur Seite. Wirklich operativ sind wir aber nicht tätig – vor allem nicht bei Minderheitsbeteiligungen wie Book A Tiger.

Book A Tiger ist nur ein Beispiel. Wie viele Unternehmen begutachten Sie?
Jährlich über 1000 Start-ups. Hier muss man aber differenziert sagen: Wir prüfen nicht alle eingehend, sondern haben viele davon lediglich auf dem Radar oder sind in Kontakt. Manchmal merken wir schon nach ein paar Sekunden oder Minuten, dass ein Start-up nicht unbedingt zu uns passt. Geschätzt sind jährlich 50 bis 100 Start-ups so relevant, dass wir dann Zeit mit einer eingehenderen Analyse, Management-Präsentationen und eventuellen Verhandlungen verbringen.

Warum aber waren so viele Start-ups überhaupt auf dem Radar?
Es geht darum, den Markt besser kennenzulernen. Da ist auch viel Trendscouting dabei. Es geht ja nicht nur darum, neue Deals zu finden, sondern auch Trends aufzuspüren in den für uns interessanten Bereichen Rubriken und Marktplätze sowie Ventures.

Es ist also wie die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen.
Ja, teilweise schon. Es stehen aber nicht immer nur Investments oder Neuakquisitionen im Zentrum, sondern wir versuchen auch, unsere Portfolio-Unternehmen zu unterstützen. Ob Jobs.ch, Homegate oder Doodle, diese wachsen selber organisch sehr stark. Wenn es Möglichkeiten gibt, für diese Unternehmen zu investieren oder jemanden aufzukaufen, dann schauen wir uns im Detail danach um.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Letztes Jahr übernahm der Online-Terminplaner Doodle sämtliche Aktien des Start-ups Meekan in Tel Aviv (persoenlich.com berichtete). Da haben wir als Team die Transaktion federführend geleitet.

Was machte Meekan so interessant?
Eine gute Technologie, ein gutes Team – und es hat gut zusammengepasst mit Doodle. Denn durch die Integration des Chatbot-Terminfinders Meekan entsteht ein noch leistungsfähigerer Terminplaner, was Doodle einen nächsten Entwicklungssprung erlaubt.

Und wann passt ein Start-up nicht?
Wenn das Start-up in einem Markt tätig ist, der für uns nicht relevant ist. Oder das Unternehmen ist noch zu jung und zu unerfahren. Und bei einem bereits älteren Unternehmen: Wenn die Finanzzahlen einfach zu schlecht sind.

Wie finden Sie nun aber unter den vielen Start-ups auf dem Radar die besagte Nadel im Heuhaufen wirklich?
Es sind immer dieselben Kriterien. Erstens: In welchem Markt ist das Unternehmen tätig? Vielleicht auch in welcher attraktiven Nische eines grossen Marktes? Hier prüfen wir: Wie gross ist der Markt, wer sind die Konkurrenten? Wie disruptiv ist dieses Unternehmen? Zweitens interessiert uns natürlich das Geschäftsmodell und das Produkt. Wie innovativ und nachhaltig sind beide? Und drittens: Das Team. Bei einem jungen Start-up ist die Qualität des Teams ausschlaggebend. Und bei einem etwas älteren Unternehmen sind natürlich auch die Finanzzahlen sehr wichtig.

Es sitzen also bei Tamedia Buchhalter am Tisch und wühlen sich durch Unterlagen.
Wir sind ein Team im Bereich M&A (Mergers & Acquisitions) und Investments, bestehend aus sechs Personen. Wir schauen uns diese Unternehmen im Detail an und je weiter wir kommen, desto mehr Bereiche innerhalb von Tamedia werden involviert. Zum Beispiel ziehen wir den Rechtsdienst bei, die Finanzen oder auch die Personalabteilung.

Wenn man Sie so sprechen hört, könnte man meinen, man hätte mit einem Investmentbanker zu tun.
Tamedia sucht natürlich nach neuen Investments oder Akquisitionsmöglichkeiten. Aber es geht eben gleichzeitig auch um Marktverständnis und Trendscouting. Das Ganze muss selbstverständlich sehr professionell sein. Und daher ähnelt der Prozess möglicherweise jenem einer Investmentbank oder auch eines Investment Fonds.

Dieter Bohlen ist mit der TV-Sendung «DSDS» auch ein Trendscout und sucht nach Talenten. Wo ist die Bühne für die Start-up-Talente?
Wir erhalten Investmentmöglichkeiten über verschiedene Kanäle. Manche Gelegenheiten werden an uns herangetragen. Dann haben wir langjährige Beziehungen mit verschiedenen Start-ups, mit Investoren, Bankern und Kapitalgesellschaften, die wissen, was für uns eventuell interessant sein könnte. Aber viel von unserer Arbeit besteht darin, proaktiv neue Kaufgelegenheiten zu finden. Da gehen wir auf Konferenzen, wir reden mit Leuten im Markt, wir lesen Fachzeitschriften und Blogs und beobachten auch, in welche Bereiche andere Unternehmen investieren.

Rund 15 Unternehmen hat Tamedia im Digitalportfolio. Eine kleine Ausbeute bei einer so grossen Evaluation.
Wir nehmen jede Investmentmöglichkeit sehr ernst. Ob es sich dabei um ein kleineres Investment von einer Million Franken handelt oder ein grösseres von mehreren hundert Millionen Franken, wie beispielsweise Ricardo.

Wie gross ist das Portokässeli Ihrer Abteilung?
Es gibt keine fixen jährlichen Beträge. Das Budget hängt von verschiedenen Faktoren ab, insbesondere den Investment-Möglichkeiten sowie der Unternehmensstrategie von Tamedia.

Und wenn die Verträge mal unterzeichnet sind, wird gefeiert?
Nein, dann geht es sofort über in die normale Arbeitstätigkeit und den Auf- oder Ausbau des Unternehmens. Gefeiert wird erst, wenn das Unternehmen erfolgreich ist oder später wieder gewinnbringend verkauft wird. Bei Tamedia handelt es sich aber in der Regel um strategische Investments, das heisst: Wir wollen das Unternehmen irgendwann einmal mehrheitlich übernehmen und investiert bleiben. Unser Ziel ist es nicht, mit Unternehmen zu handeln.

Wollen Sie auch Book A Tiger komplett übernehmen?
Dazu ist es zu früh, eine Aussage zu treffen.

Haben Sie zu Hause auch eine Putzfrau?
(lacht) Ja, von Book A Tiger.


* Andreas Schlenker ist Leiter M&A (Mergers & Acquisitions) und Projekte im Bereich Classifieds, Marketplaces & Ventures von Tamedia. Bevor der 44-Jährige im Jahr 2014 bei Tamedia startete, war er für eine der grössten Kapitalbeteiligungsgesellschaften Europas und zwei internationale Start-ups tätig (persoenlich.com berichtete). Das Tamedia-Digitalportfolio ist aufgeteilt in «Classifieds & Marketplaces»-Unternehmen wie Jobs, Homegate, Ricardo oder Tutti. Im Digital-Ventures-Bereich befinden sich Unternehmen wie Book A Tiger, Doodle, Starticket oder Zattoo.



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