06.12.2017

Tages-Anzeiger

«Ich sehe den Beruf als Berufung»

Ab Januar leitet Judith Wittwer den «Tages-Anzeiger». Im Gespräch mit persoenlich.com skizziert die neue Chefredaktorin erstmals, wie sie die Tagi-Redaktion, die per 2018 deutlich weniger Mitarbeiter haben wird, in die Zukunft führen will.
Tages-Anzeiger: «Ich sehe den Beruf als Berufung»
Leitet die rund 50-köpfige Redaktion des «Tages-Anzeigers»: Judith Wittwer. (Bild: Tamedia/Samuel Schalch)
von Edith Hollenstein

Frau Wittwer, sind Sie tatsächlich Chefredaktorin und nicht einfach eine Redaktionsleiterin?
(lacht) Ich bin Chefredaktorin des «Tages-Anzeigers» und werde per Anfang 2018 alle Aufgaben übernehmen, die zu diesem Job gehören. 

Die «SonntagsZeitung» hat jedoch mit Thomas Speich und Andreas Kunz eine Redaktionsleitung. Was genau ist der Unterschied?
Bei der «SonntagsZeitung» ist Arthur Rutishauser weiterhin Chefredaktor. Gleichzeitig ist er Chefredaktor der neuen «Redaktion Tamedia». Diese Aufgabenfülle erschwert es, das Tages-, respektive Wochengeschäft immer ganz nah zu begleiten. Daher braucht es bei der «SonntagsZeitung» eine Redaktionsleitung. Beim «Tages-Anzeiger» hatte bislang Iwan Städler die Redaktionsleitung inne. Diese gibt es aber nicht mehr. Als Chefredaktorin des «Tages-Anzeigers» übernehme ich die Verantwortung für den Tagi.

Welches ist die Abgrenzung zum übergeordneten Chefredaktor Arthur Rutishauser?
Ich bin verantwortlich für die Marke «Tages-Anzeiger» und deren Weiterentwicklung. Ich habe also die publizistische Verantwortung für den Tagi, gleichzeitig beziehen wir Inhalte der Tamedia-Redaktion, welche den Mantel herstellen wird, den wir mit anderen Tamedia-Zeitungen teilen.

Müssen Sie bezahlen für die Inhalte, die Sie aus der «Redaktion Tamedia» beziehen, oder anders gefragt: Haben Sie ein eigenes Budget?
Der «Tages-Anzeiger» und die «Redaktion Tamedia» haben eigene Budgets. Aber klar: «There ain't no such thing as a free lunch.» Natürlich werden wir für die Leistungen der Tamedia-Redaktion bezahlen, die wir beziehen.

Wie muss man sich das vorstellen: Wie gross ist die «Redaktion Tamedia» im Vergleich zur Redaktion «Tages Anzeiger»? 
Die «Redaktion Tamedia» ist einiges grösser als der Tagi. Bei mir ist alles Regionale vereint: das Züri-Ressort, der «Züritipp». Zum Tagi gehören zudem die Autoren, die teils seit Jahren mit dem Titel verbunden werden, zum Beispiel Jean-Martin Büttner oder Michèle Binswanger. Der Tagi wird weiterhin eine eigenständige Kommentar- und Meinungsseite haben. Neu werden wir beim Tagi ab Januar auch ein neues Schaufenster einführen: die «Seite Drei». Hier finden die Leserinnen und Leser künftig in jeder Ausgabe eine exklusive Recherche, eine einzigartige Geschichte – gut erzählt, modern gestaltet. Der Fokus liegt auf der Schweizer Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, doch können auch globale Themen aufgegriffen werden.

Wie viele Mitarbeiter hat die Redaktion «Tages-Anzeiger»? 
Nur für den Tagi schreiben rund 50 Mitarbeitende, daneben können wir auf die Inhalte der deutlich grösseren «Redaktion Tamedia» zurückgreifen. Mein Eindruck ist: damit sind wir hervorragend positioniert, mit einigen der besten Autoren, Rechercheure und Reporter der Schweiz.

Sie sind bislang nicht über Ihre Texte aufgefallen. In der SMD-Datenbank findet man gerade einmal sechs Artikel von Ihnen innert eines Jahres. Und in vier Jahren waren es 17 Texte.
Nun gut, man müsste über einen längeren Zeitraum suchen. Ich bin seit 20 Jahren im Journalismus, so habe ich vor allem früher viel geschrieben als Mitglied der Wirtschaftsredaktion, Deutschland-Korrespondentin oder Hintergrund-Redaktorin. In den letzten Jahren hatte ich eine andere Rolle. Innerhalb der Chefredaktion arbeitete ich bei Projekten mit, die in einem weiteren Sinne mit Journalismus zu tun haben, etwa die Kooperation mit der «Süddeutschen Zeitung», Budgetfragen oder Personalentwicklung. Zudem war ich ein bis zwei Tage die Woche in der Tagesleitung, da schreibt man nicht, sondern macht die Zeitung.

Unter den oben erwähnten Texten sind ein Kommentar zu Frauen in Führungspositionen, ein Kommentar zu den Wahlen in Deutschland, eine Reise-Reportage aus Serfaus sowie ein Interview über moderne Familienmodelle. Sind das Ihre Themen oder wo werden Sie künftig Stellung beziehen? 
Wie gesagt: Ich hatte vorher eine starke Innenministerinnen-Rolle. Als Chefredaktorin werde ich vermehrt nach aussen tätig sein: mehr schreiben oder an öffentliche Auftritte gehen. Dabei mache ich mir aber keine Illusionen, viel mehr schreiben werde ich nicht können, denn ich weiss, wie viele zusätzliche Aufgaben eine solche Funktion mit sich bringt. Ich werde mich bei grossen Abstimmungen einbringen, oder zu anderen grösseren Entwicklungen in Zürich, der Schweiz, Europa, der Welt äussern.

Welche Themen sind Ihnen wichtig?
Der «Tages-Anzeiger» ist eine urbane, weltoffene Zeitung. Mein Auftrag ist es, die Zeitung so zu gestalten, dass sich dieses Publikum angesprochen fühlt – auch im Überregionalen. Wir haben viele sehr profilierte Schreiber und eine meinungsstarke Redaktion. Daher wird es vorkommen, dass wir bei gewissen Fragen eine andere Position haben werden als andere Redaktionen innerhalb von Tamedia. Bei Sion 2026 zum Beispiel könnte es vorkommen, dass wir sagen: «Das sehen wir in Zürich anders als im Gastgeberkanton Bern». Da schreiben wir einen anderen Kommentar.

Sie sagten, vermehrt öffentlich auftreten zu wollen. Wie gut vernetzt sind Sie eigentlich in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft?
Das muss nicht ich beurteilen, sondern andere. Ich fühle mich aber in Zürich genügend vernetzt, politisch wie in der Wirtschaft. Nachholbedarf habe ich sicherlich im Bereich Kultur. Zu viel Nähe ist aber auch nicht wünschenswert. Für ein grosses Engagement in Vereinen fehlt mir die Zeit.

Ab Januar soll die neue «Seite 3» erscheinen. Was haben Sie sonst noch vor?
Neben der «Seite 3» starten wir Anfang 2018 etwa mit einem neuen täglichen Comic. Der Tagi hat ja bekanntlich eine Zeichnertradition: früher Nico, heute Felix Schaad. Nach 17 Jahren und mehr als 5000 Geschichten verabschieden Felix Schaad und Claude Jaermann nun Ende Jahr ihre Figur Eva Grdjic in den wohlverdienten Ruhestand. Der tägliche Comic auf dem Bellevue wird frei. Ab Januar werden deshalb sechs neue Zeichner an je einem Wochentag einen Comic zeichnen. Eine hochkarätige Jury hat eben die sechs Talente bestimmt. Sieht vielversprechend aus. Felix Schaad wird weiterhin für die Frontseite und andere Geschichten im Blatt zeichnen – und also erhalten bleiben.

Und sonst: Wie sehr ist tagesanzeiger.ch in Ihrem Blickfeld?
Ich verantworte alle Tagi-Kanäle. Da gehört tagesanzeiger.ch selbstverständlich dazu. Natürlich wird mein Fokus im ersten halben Jahr aber stärker auf die Print-Produkte gerichtet sein, bedingt dadurch, dass sich einspielen muss, wie und welche Seiten und Inhalte wir mit den anderen Tamedia-Zeitungen teilen.

Die Kontrolle über den Tagi Online ist schwierig, weil ja die Inhalte von derselben Redaktion kommen, die auch «20 Minuten» beliefert.
Da findet eher wieder eine Entflechtung statt.

Heisst das, Sie werden wieder ein Tagi-Online-Team aufbauen?
Es gibt bereits ein Online-Team. Es wird aber Änderungen geben, vieles ist in Planung, entschieden ist jedoch noch nichts.  Klar ist: gewisse Breaking News und Kurzmeldungen werden wir weiterhin vom Newsexpress übernehmen, uns beispielsweise in der Politik aber auch wieder stärker differenzieren.

Print ist stark rückläufig: minus 15 Prozent gegenüber 2016 laut den letzten Tamedia-Halbjahreszahlen. Unterstehen Sie einem Sparauftrag?
Wenn man die Situation der Printmedien anschaut, ist klar, dass die gesamte Branche sparen muss. Tamedia wählt bekanntlich den Weg über Kooperationen, damit wir in Recherchen wie bei den «Paradise Papers», Daten-Know-how oder eine hervorragende Infografik-Redaktion investieren können.

Als die Umbaupläne bekannt wurden, hiess es: «Alle Mitarbeitenden haben ab 1. Januar 2018 eine Aufgabe in einer der Redaktionen». Welche Rochaden waren nötig?
Es gab Gespräche mit allen beteiligten Redaktoren im Tamedia-Verbund. Alle haben eine Funktion auf Anfang Jahr. Die meisten bisherigen Tagi-Leute arbeiten am gleichen Ort weiter, andere wechseln zu «Editorial Services» oder zur «Tamedia Redaktion». Es geht nun darum, in neuen Teams zusammenzuarbeiten und diese Kooperationen vorteilhaft auszunutzen.

Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
Ich bin eine klassische Journalistin, also jemand, der den Beruf als Berufung sieht. Daher bin ich auch neben meiner Arbeit viel am Lesen. Als Familienmensch verbringe ich aber auch gerne viel Zeit mit Mann und Töchtern. Wir fahren Velo, springen im Sommer in den Zürisee, im Winter zieht es uns auf die Skipiste. Aktuell ist natürlich Backzeit: Gritibänzen, Weihnachtsguetsli… Das ganze Programm.

Wie machen Sie das als Chefin?
Ich werde wieder 100 Prozent arbeiten ab Januar. Bisher arbeitete ich 80 Prozent. Nach Möglichkeit werde jeweils am Mittwoch Homeoffice machen, das ist bekannt und wird auch bis zu unserem Verleger hinauf unterstützt.

Sie sind Ihr gesamtes Berufsleben Journalistin und sehen darin wie oben erwähnt eine Berufung. Was motiviert Sie?
Ich denke in Geschichten, lerne gerne Neues in verschiedensten Themengebieten und arbeite sehr gerne im Team, zusammen mit anderen Menschen. Journalistin ist unverändert einer der schönsten Berufe.

Was für eine Funktion hat der Journalismus Ihrer Meinung nach in der modernen Medienwelt?
Journalisten haben unverändert eine wichtige Aufgabe innerhalb der Demokratie. Sie schaffen Öffentlichkeit. Informieren allein genügt dabei nicht. Dafür gibt heute keiner mehr Geld aus. Was früher die Aktualität war, ist heute für uns die Exklusivität - die grosse Recherche, die Einordnung, die Vertiefung. Das beste Beispiel dafür sind aktuell die «Paradise Papers».

Bringen die «Paradise Papers» in der Schweiz tatsächlich Veränderungen in Gang?
Das ist zu hoffen. Die «Panama Papers» führten zu Rücktritten, nicht in der Schweiz, aber in anderen Ländern. In der Schweiz sind Gesetzesverschärfungen in Vorbereitung. Solche Enthüllungen bewegen also durchaus.

 



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