13.05.2018

Aus für Publicitas

«Das ist für mich der Gipfel des Unverblümten»

Die Vermarkterin hatte einst tausende Mitarbeitende. Einer davon war Moreno Cavaliere, der über 20 Jahre in leitender Position bei der «P» war. Er bezeichnet den Verkauf an Aurelius als Fehler und das Abschieben des schwarzen Peters als Frechheit.
Aus für Publicitas: «Das ist für mich der Gipfel des Unverblümten»
«Ein absolut unnötiger Untergang», sagt Moreno Cavaliere, Delegierter «Corriere del Ticino»/MediaTI Marketing SA. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Cavaliere*, was war Ihre Reaktion, als Sie am Freitagmorgen vom Konkurs der «P» erfahren haben?
Eine Überraschung war das nun natürlich nicht mehr, nach den Ereignissen der letzten Tage. Es tut mir einfach unendlich leid für viele tolle Leute, von denen ich die meisten persönlich viele Jahre kenne. Ich wünsche mir, dass sie bald wieder neue Herausforderungen finden werden.

Hätte dieser Konkurs vermieden werden können?
Ja, natürlich. Das ist doch der grosse Ärger. Ein absolut unnötiger Untergang. Wir hatten als Kernteam der Unternehmensleitung der damaligen Publicitas dem Verwaltungsrat der Publigroupe vor dem Verkauf an Aurelius – zusammen mit Investoren – ein ganz tolles Angebot unterbreitet. Ich bin überzeugt, nein ich weiss, dass wir in Verlegerkreisen auf viel Goodwill gestossen wären, da diese zum Teil davon wussten. Und sie wussten auch, dass wir mit unserem eigenen Geld und mit unserem Herzblut dabei waren. Trotzdem entschied sich der VR für den Verkauf an reine Finanzinvestoren – man spricht auch von Heuschrecken.

«Seit ein paar Stunden klingelt das Telefon fast ununterbrochen»

Haben Sie mit schon mit ehemaligen Kollegen, die bei der «P» arbeiten, gesprochen?
Ja, ich wurde in den letzten Monaten sehr häufig von ehemaligen und aktuellen Mitarbeitern kontaktiert. Und seit ein paar Stunden klingelt das Telefon fast ununterbrochen.

Wer ist vor allem Leidtragender bei diesem Konkurs?
Da sind natürlich zu allererst einmal die knapp 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Viele von ihnen sind sehr langjährige, treue, loyale Mitarbeiter, welche – manchmal fast ein wenig naiv – bis zur letzten Stunde an die Rettung geglaubt haben und gute Angebote im Markt abgelehnt hatten… Dann sind aber auch ganz viele Verlagshäuser von diesem riesigen Flurschaden betroffen. Einerseits diejenigen, welche bis zuletzt bei der «P» in der Vermarktung waren und nun sofort Lösungen finden müssen und natürlich fast alle Medienhäuser – ob Gross oder Klein – mit offenen, nicht bezahlten Rechnungen von Seiten der «P». Das Geld ist weg. Der Konkursverwalter spricht von höchstens fünf Prozent der offenen Posten, welche eingefordert werden können.

«Da bleibt einem schon die Sprache weg»

Sie sind heute Delegierter «Corriere del Ticino»/MediaTI Marketing SA. Wie ist Ihre Zeitung vom Untergang der «P» tangiert?
Natürlich haben auch wir offene Rechnungen, welche wir abschreiben müssen, und die tun uns richtig weh. Zum Glück haben wir uns aber im April 2017 für die Eigenregie entschieden. Unsere letzten Verträge liefen Ende 2017 aus. Damit hält sich der Schaden in Grenzen. In einem früheren Stadium hätte so ein Konkurs existentiell sein können. Wir waren schliesslich 124 Jahre in Regie bei der «P». Dass diese aber nun den schwarzen Peter den Medienhäusern rüberschiebt, ist für mich schon der Gipfel des Unverblümten. Aber es passt zur Mentalität von gewissen Leuten, welche da in der Verantwortung sind. Wenn man den Buchgewinn, welchen Aurelius mit dem Kauf und Verkauf der «P» im neusten Geschäftsbericht ausweist und diesen mit der Summe der jetzt entstehenden Schäden kumuliert, bleibt einem schon die Sprache weg. Und das alles innerhalb von vier Jahren!

Glauben Sie, dass eine Plattform mit den Schweizer Verlagshäusern eine Chance hat?
Unbedingt. Wir vom «Corriere» sind als Gründungsmitglieder mit dabei. Ich bin überzeugt, dass dieses Angebot, welches den Grundgedanken als Branchenlösung für den nationalen Werbemarkt «One order, one bill» verfolgt, gut ankommen wird. Jeder – Werbeauftraggeber und Medienhäuser – kann, keiner muss dieses Angebot nutzen. Aber diese neue Firma wird keine «P2» sein.


* Moreno Cavaliere war bei der Publicitas Director Sales & Marketing und Mitglied der Unternehmensleitung. 2015 verliess er die «P».

 



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Kommentare

  • Soan Dupraz, 15.05.2018 09:07 Uhr
    ...und Schuld daran ist zweifellos Herr Hans-Peter Rohner ! Was sagt er dazu ? Was tut er zurzeit ?

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