06.08.2017

Karriere und Kinder

«Kinder eröffnen neue Dimension an Emotionen»

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist in der Politik ein grosses Thema. Wie passt eigentlich ein aufwendiger Job in einer Werbeagentur mit Kindererziehung zusammen? persoenlich.com hat bei den Serviceplan-Mitarbeiterinnen Klara Zürcher und Diana Wick nachgefragt.
Karriere und Kinder: «Kinder eröffnen neue Dimension an Emotionen»
Bringen Job und Familie unter einen Hut (v.l.): Die Serviceplan-Mitarbeiterinnen Klara Zürcher und Diana Wick. (Bilder: Dominic Wenger)
von Matthias Ackeret

Frau Zürcher, Frau Wick, lassen sich eigentlich Werbung und Kleinkinder unter einen Hut bringen?
Diana Wick: Wenn man die fehlende Präsenz der Mütter in den Kreations-Abteilungen Schweizer Werbeagenturen anschaut, dann müsste man sagen: Nein, es lässt sich nicht unter einen Hut bringen. Und wenn man behauptet, dass nur dann gute Werbung entsteht, wenn man mindestens (!) bis Mitternacht über einer Idee brüten muss, bis sie gut ist, dann ebenfalls ein klares Nein. Wie man es trotzdem schaffen kann? Indem man mit jenen zusammenarbeitet, welche die richtigen, ja überhaupt Entscheidungen treffen. Damit man vorwärts kommt beim Arbeiten und damit auch irgendwann nach Hause. Mein Tipp deshalb: Wähle deinen Arbeitgeber, deinen Jobpartner weise! Gerade als Mutter und deshalb Teilzeitarbeitende ist es enorm wichtig, dass man sich nicht konstant entschuldigen muss, weil man eben die Wochentage und damit die Betreuung nicht dauernd schieben kann. Und dass man irgendwann am Abend nach Hause möchte, damit man die Kinder noch ins Bett bringen kann.

Klara Zürcher: Ich bin auch der Meinung, dass das geht. Fakt ist aber auch, dass sich mancher Arbeitgeber davor scheut, Lösungen zu suchen und neue Wege zu gehen. Da heisst es dann (vor allem auch für Väter): 100 Prozent oder gar nix. Zum Glück war unser CEO Christian Baertschi damals offen für ein Teilzeitpensum, wie ich mir das wünschte. Zudem hatte ich als Beratungsgruppenleiterin ebenso das Glück, ein starkes Team hinter, vor und neben mir zu haben – samt vertrauensvoller Kundenbeziehung. Und dass ich schon vor meinem Teilzeitpensum in derselben Rolle tätig war, hat sicherlich auch geholfen – schliesslich kannten mich Kunden und Team bereits und wussten beide, wie ich arbeite.

Inwiefern beeinträchtigt dies Ihre Arbeit?
Zürcher: Wer schon mal versucht hat, Kleinkinder zu «managen», weiss, dass man danach mit jeder Stresssituation fertig wird. Somit: Das Mamasein hat mein Arbeitspensum beeinflusst – aber ganz bestimmt nicht negativ. Menschen mit Hobbys, also einem Leben ausserhalb der Arbeit, fand ich immer schon interessanter und inspirierender. So sehe ich es auch mit dem Muttersein.

Wick: Beeinträchtigen ist mit Sicherheit die falsche Bezeichnung. Natürlich kann man mit Kindern nicht mehr jeden Tag bis in die Puppen arbeiten, sondern geht irgendwann heim, damit man eben noch mit den Puppen und Kindern spielen kann. Aber Kinder zu haben, eröffnet auch eine neue Dimension an Emotionen. Und Emotionen sind gar nicht so schlecht bei der kreativen Arbeit. By the way: Männer werden ja auch nicht unkreativer, wenn sie Väter geworden sind, oder?

Kommt Ihnen der Arbeitgeber bei Ihrer Tagesplanung entgegen?
Zürcher: Christian Baertschi hat sich von Anfang an sehr kulant und offen gezeigt und mir immer vollstes Vertrauen entgegengebracht. Ausnahmesituationen sind rar, denn die Kinderbetreuung ist gut organisiert. So auch die Arbeit in der Agentur. Trotzdem ist es schön zu wissen, dass man in gewissen Fällen – wenn zum Beispiel ein Kind krank ist – zu Hause bleiben kann, ohne schlechtes Gewissen. Umso fokussierter ist man bei der Arbeit.

Wick: Ich habe das Glück, dass dies mehrheitlich so ist. Es ist ja nicht so, dass ich als Mutter der Agentur auf der Tasche liege. Ich gebe alles, wenn ich vor Ort bin. Und dann gehe ich nach Hause und gebe dort erneut alles. Das ist manchmal ganz schön anstrengend. Aber andere gehen nach der Arbeit noch zum Sport – fände ich ebenso anstrengend. So hat jeder sein Bürdeli zu tragen…

Ganz konkret: Ein Kunde setzt ein Meeting ausgerechnet an Ihrem Mamitag an. Wie reagieren Sie?
Wick: Ich rufe meinen Mann an: «Wäre es möglich, dass du mir den Dienstag gibst und ich gebe dir dafür den Donnerstag?» Mann: «Ich habe am Dienstag aber ein Kundenmeeting!» Ich: «Kannst du das schieben?» Er: «Immer muss ich schieben!» Ich: «Danke!» Etwa so. Manchmal klappts, manchmal nicht.

Zürcher: Es kommt natürlich stark auf den Sitzungsinhalt und meine Rolle im Projekt beziehungsweise beim Kunden an. Entweder kläre ich ab, ob sich der Termin verschieben lässt oder ich versuche die Betreuungstage zu schieben. Und da ich ja Beraterin bin, finde ich immer eine Lösung – ist ja mein Job sozusagen.

Gibt es in der Werbung überhaupt Karrieremöglichkeit für berufstätige Mütter?
Wick: Wenn der Arbeitgeber Karriere mit guten Ideen, statt mit Sesselhocken definiert, dann geht das durchaus. Aber es ist natürlich nicht immer so einfach, wie es jetzt klingt. Wer sein Kind nämlich nicht drei oder mehr Tage fremdbetreuen lassen möchte, der muss mit seinem Partner (und dieser mit seinem Arbeitgeber) eine geeignete Lösung finden. Und meistens liegt dort der Hund begraben. Die Schweizer Arbeitgeber sind bei vielen Müttern flexibel, nicht aber bei Vätern. Dort heisst es dann schnell: «Ah, der will demfall nicht fürschi kommen.» Ich hatte also nicht nur Glück mit meinem Arbeitgeber, sondern auch mit meinem Partner und dem Arbeitgeber meines Partners: Wir teilen uns nämlich die Kinderbetreuung. Beide haben ein gleich hohes Pensum – daheim und bei der Arbeit. Das erleichtert nicht alles, aber vieles.

Zürcher: Ja, gibt es. Mit einem Teilzeitpensum aber nur dann, wenn der Arbeitgeber offen für neue und unterschiedliche Lösungen ist, die für Angestellte, Team wie auch für Kunden befriedigend sind. Es ist lediglich eine Frage der Organisation, des Willens und der Bereitschaft, auch Angestellte mit einem reduzierten Pensum zu fördern. Und es ist ja nicht so, dass Mütter oder Väter, die Teilzeit arbeiten, weniger ambitioniert sind. Das ist ein Ammenmärchen. Und Märchen wiederum gehören nach Hause zu den Kindern.

Spüren Sie Verständnis für Ihre Situation oder gab es auch schon kritische Bemerkungen?
Zürcher: Es spricht für unsere Agenturkultur, dass ich reibungslos in eine Teilzeitstelle wechseln konnte. Ich fühlte mich stets von allen Seiten unterstützt. Und das wiederum hat mich motiviert, flexibel zu sein und falls notwendig auch an meinen Freitagen zu arbeiten.

Wick: Keine kritischen Bemerkungen, soweit ich mich erinnern kann (Sie wissen schon, Schwangerschaftsdemenz).

Sie waren kürzlich im Mutterschaftsurlaub. Welche Projekte bestimmten da Ihren Alltag?
Wick: Logistische Projekte. Oder konkreter: Wie man mit zwei kleinen Kindern aus dem Haus und in die Badi geht. Heisst: Man muss vorher das ganze Haus einpacken, das ganze Haus und die kleinen Kinder in die Badi bringen (notabene ohne Auto), die Kinder und das ganze Haus in der Badi wieder auspacken, um dort festzustellen, dass man ganz, ganz sicher etwas Wesentliches vergessen hat.

Zürcher: Während meinem Mutterschaftsurlaub habe ich es möglichst vermieden, in Projekten zu denken. Anstatt meine Tage und Wochen durchzuplanen, wie man dies im Büro oft macht, habe ich so viel wie möglich in den Tag hineingelebt. Mit Kindern im Alter meiner Jungs eigentlich auch die einzige Möglichkeit, den Tag zu geniessen, ohne konstant gestresst zu sein – zumindest nach meinem Empfinden. In den vergangenen Monaten lernte ich übrigens auch alles über Bagger und Lastwagen. Für einen Kunden aus der Baubranche bin ich jetzt also die perfekte Beraterin. Entsprechende Angebote können gerne platziert werden.

Wie war die Rückkehr aus dem Mutterschaftsurlaub in die Agentur?
Wick: Da hatte ich schon etwas Angst davor, ob ich das alles wieder auf die Reihe kriege. Aber ich habe nach nur einem Tag gemerkt, dass ich gerne arbeiten gehe.

Zürcher: Wie schon nach meinem ersten Mutterschaftsurlaub hatte ich kurz vor der Rückkehr den Koller. Nicht unbedingt wegen der Arbeit, sondern weil ich mit dem Gedanken, meinen Kleinsten mehrere Tage abzugeben, Mühe hatte. Aber wie schon beim ersten Mal, hat sich das Gefühl bei meiner Ankunft im Büro verflüchtigt. Schliesslich will ich ja arbeiten und mag genau diesen Ausgleich zwischen Muttersein und Job.

Welche Projekte betreuen Sie momentan?
Zürcher: Ich arbeite momentan an internen Agentur-Projekten, was mich schon immer gereizt hat. Mein Auftraggeber ist somit aktuell nicht direkt ein Kunde, sondern die Agentur selbst.

Wick: Sehr viele verschiedene: Ich werde von den Creative Directors dort eingesetzt, wo gerade Insight-, Text- oder Konzept-Bedarf ist.

Haben Sie sich aufgrund der jetzigen Situation auch schon überfordert gefühlt?
Wick: Hand aufs Herz: Wer nicht? Aber um ehrlich zu sein, ist es weniger die Überforderung, die an einem nagt, sondern mehr das schlechte Gewissen. Das ist ja seit der Geburt meiner Kinder Teil meiner DNA. Ich habe manchmal ein schlechtes Gewissen meinen Kindern gegenüber («Mami schaffts leider nicht aufs Znachtessen, sorry!», «Mami muss nur noch schnell diese E-Mail beantworten, hab noch etwas Geduld.») und manchmal meinem Arbeitgeber gegenüber («Ich kann heute leider nicht kommen, Kind krank, Mann krank!»). Man muss lernen damit umzugehen, dass man halt nicht mehr konstant zur Verfügung stehen kann. Jemand hat mal zu mir gesagt: «Wenn du ein gleich grosses schlechtes Gewissen deinen Kindern und deinem Arbeitgeber gegenüber hast, dann hast du die perfekte Work-Life-Balance.» Ich arbeite daran, das irgendwie anders zu managen.

Zürcher: Ja. Wenn ich über längere Zeit zu wenig geschlafen habe, zum Beispiel. Oder wenn die Betreuung kurzfristig nicht klappt (unser Betreuungsprogramm umfasst neben der Krippe auch die Grosseltern). Aber ganz ehrlich: Ich kannte auch vor dem Spagat zwischen Job und Familie Situationen der Überforderung – schliesslich gehört das auch zu einem herausfordernden Job. Und wie Diana auch sagt: Oft entstehen gerade aus diesen Situationen heraus unerwartet kreative Lösungen. Sogar wenn man todmüde ist.

Arbeitet Ihr Partner auch in der Werbung?
Zürcher: Zum Glück nicht. Ich liebe es nach Hause zu kommen und nicht über Werbung zu sprechen. Sondern über Autos (wir vergessen jetzt mal die Tatsache, dass ich bei Serviceplan verantwortlich für einen grossen Autokunden war). Mein Mann arbeitet nämlich in der Autobranche und ist auch der Grund, weshalb mein Dreijähriger mehr Automarken kennt als ich.

Wick: Gott bewahre, nein. Mein Mann ist Ingenieur, er konzipiert Maschinen – so eine Art Daniel Düsentrieb. Einfach in cool.


* Diana Wick (39) ist bei Serviceplan verantwortlich für das «Creative Planning». Zusätzlich textet und konzeptet sie für diverse Kunden. Sie ist Mutter von Mascha (3) und Romi (10 Monate). Klara Zürcher (36) ist Beraterin, im Moment für interne Projekte. Sie hat zwei Jungs, Henry (3) und John (1).

 



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