06.02.2018

persönlich-Talk

«Der Werbemarkt würde massiv Geld verlieren»

In einer Schweiz ohne SRG fliesse das Geld nicht an private Verlage, sondern ins Ausland, sagte Doris Leuthard an einer Veranstaltung in Zürich. Zudem sprach die Medienministerin über das neue Mediengesetz und die Regulierung von Internet-Giganten wie Google.
persönlich-Talk: «Der Werbemarkt würde massiv Geld verlieren»
«Deutschland wäre der grosse Profiteur», sagte Doris Leuthard am Montag beim «persönlich»-Talk in Zürich. (Bilder: Adrian Bitzi)
von Edith Hollenstein

Wenn die Medienvielfalt kleiner wird, habe das grosse Auswirkungen – nicht nur auf die demokratische Meinungsbildung, sondern auch auf den Werbemarkt. Mit dieser Botschaft reiste Bundesrätin Doris Leuthard am Montagabend nach Zürich. Auf Einladung des persönlich Verlags trat sie im Kulturhaus Kosmos vor 160 geladenen Gästen auf.

«Ich bin überzeugt, dass der Schweizer Werbemarkt nochmals massiv Geld verlieren würde», sagte sie im Gespräch mit «persönlich»-Verleger und Chefredaktor Matthias Ackeret. «Denn schon heute gehen 42 Prozent an ausländische Werbefenster. Auch wenn es weiterhin eine Vermarktungsorganisation hier in der Schweiz geben würde, würden die Auftraggeber nicht unbedingt auf Radio Pilatus oder Tele Ticino werben, denn sie wollten Reichweite. Deutschland wäre der grosse Profiteur», so Leuthard.

Kanäle ins Web verlagern

Ackeret, dessen Erkältung ihm zu Teilen leicht auf die Stimme schlug, sprach Admeira an, zudem versuchte er der Medienministerin Vorschläge zu entlocken, wo die SRG sparen könnte. Sie bekräftigte Aussagen, die sie laut Ackeret bereits gegenüber den «Schaffhauser Nachrichten» gemacht hatte, wonach die SRG den zweiten Tessiner Kanal ins Internet verlagern könnte, ebenso SRF Info.

Video produziert von Shortclip.ch

Darüber hinaus versuchte Leuthard zu ergründen, wie es dazu kommen konnte, dass die SRG jetzt so stark unter Druck steht. «Zum einen machen alle Verleger seit Jahren ein SRG-Bashing. Weil es ihnen schlecht ging, schrieben die Zeitungen immer kritischer über die SRG. Und unbestritten spielen die Medien eine Rolle bei der Meinungsbildung», sagte Leuthard. Das sei aber nur ein Grund. Der zweite liege darin, dass die junge Generation keinen engen Bezug mehr habe zur SRG. «Die Jungen wachsen mit Twitter und Facebook auf. Dieses veränderte Konsumverhalten und die damit veränderte Wahrnehmung etablierter Institutionen führt zu ganz anderen Affinitäten».

Programme fördern statt Sendungen

Schliesslich skizzierte Leuthard im rund halbstündigen Gespräch (Ausschnitte davon siehe Video oben), wie das neue Gesetz über elektronische Medien ausgestaltet sein könnte: «Es braucht neue Kooperationsmodelle, denn produzieren muss diese Service-public-Leistungen ja doch jemand – auch wenn die Nutzer streamen oder nicht mehr linear schauen. Wir haben lange überlegt, ob man künftig nur noch Sendungen als Service-public-relevant betrachten soll und somit diese finanzieren müsste, oder ob es auch künftig ganze Programme sind.»

Man sei, auch in Absprache mit der Eidgenössischen Medienkommission EMEK zum Schluss gekommen, dass weiterhin Programme gefördert werden sollen. Das könnten künftig neue Player sein, deren Programme diejenige Qualität umfassen, die als Auftrag in der Verfassung festgelegt ist.

Google & Co. international regulieren

Bezüglich Regulierung des Internets, respektive gesetzlichen Einschränkungen für Google – auch in der Nutzung von Daten, sagte Leuthard, dass Bestrebungen auf nationaler Ebene unrealistisch seien. Nur schon europaweite Gesetze halte sie für «total daneben». «Da muss international etwas passieren. Wir als kleine Schweiz müssen nicht das Gefühl haben, hier selber etwas bewegen zu können».

 


Auf das Gespräch mit Medienministerin Doris Leuthard folgte eine Podiumsdiskussion mit Roger Schawinski (Medienpionier und Buchautor «No Billag?»), Gregor Rutz (Nationalrat SVP), Frank Bodin (CEO Havas Zurich und Präsident ADC) sowie Matthias Müller (Vizepräsident Jungfreisinnige Schweiz) (persoenlich.com berichtete).


Weitere Bilder vom «persönlich»-Talk finden Sie hier.

 

 

 

 

 

 



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