07.06.2018

Cannes Lions 2018

«Cannes Lions sind in einer Bewährungsprobe»

Wie stehen die Schweizer Chancen bei den Werbe-Weltmeisterschaften in Cannes? Bevor er Prognosen macht, stellt Frank Bodin, Präsident des Art Directors Clubs Schweiz, zur Debatte, ob das Festival weiterhin so wichtig ist.
Cannes Lions 2018: «Cannes Lions sind in einer Bewährungsprobe»
Der ADC-Präsident reist auch dieses Jahr an die Côte d'Azur, wenn vom 18. bis 22. Juni das internationale Werbefestival stattfindet: Frank Bodin. (Bild: zVg.)
von Edith Hollenstein

Herr Bodin, was haben sich die Schweizer Werber für Cannes vorgenommen?
Löwen jagen. Und nebst Löwen im Gepäck und einem kleinen Kater auch mit viel Inspiration zurückreisen.

Wo haben die Schweizer Löwen-Chancen?
Voraussagen diesbezüglich werden immer schwieriger. Cannes ist zu einer Lotterie geworden, ausser es gibt ganz klare Überflieger. Diese sehe ich jedoch nicht. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Schweiz einen Grand Prix gewinnen könnte. Aber die Schweiz hat einige Kampagnen, die auf Löwen hoffen dürfen.

Welche?
Alle, die beim ADC Switzerland und bei führenden internationalen Wettbewerben aufgefallen sind – etwa bei der «One Show» oder beim  «D&AD». Wer dort gewinnt, hat schon mal die Aufmerksamkeit der Jurys und gute PR im Vorfeld – das hilft in Cannes. Für die Schweiz gilt das für Walker und Wirz, die in London D&AD-Pencils gewonnen haben für die Trump-Anzeige respektive für das Ikea-Schlafkonzert (persoenlich.com berichtete). Und beim One Show in New York war Thjnk Zürich mit den Edelweiss-Plakaten erfolgreich (persoenlich.com berichtete). Dort gehörte auch Jung von Matt/Limmat mit der Soundbook-App zu den Gewinnern, allerdings wurde diese Arbeit bereits 2017 in Cannes ausgezeichnet und wird daher dieses Jahr nicht mehr im Rennen sein.

Und sonst?
Ich würde den Love-Life-Spots von Rod (Beispiel siehe Video unten) einen Löwen wünschen, allerdings ist die Kategorie Film eine der schwierigsten. Und ich finde auch die Zeitreise für SRF von Hinderling Volkart ein Hit. Dann gibt es natürlich noch die Arbeiten, die in den letzten Wochen im Hinblick auf Cannes entstanden sind und die ich nicht auf dem Radar habe. Und dann gibt es ja immer mal wieder die eine oder andere Überraschung, die punktet – hoffentlich auch dieses Jahr.

Nun ist dieses Jahr doch wieder ein Juror mit dabei. Haben Sie das erwartet?
Ja. Und der ADC ist dabei nicht ganz unschuldig. Der Vorstand hat gegenüber der neuen Schweiz-Repräsentantin WerbeWeischer deutlich zu verstehen gegeben, dass ein Cannes ohne Schweizer Juroren ein Cannes ohne Schweizer Arbeiten wird. Für ein zwar kleines Land, aber mit einer feinen Löwen-Ausbeute über alle Jahre, wollen wir nicht mit Online-Juroren abgespiesen werden. Rechnet man die Einreichungen und die Kosten für die Delegierten aus der Schweiz zusammen, kommt man auf eine erkleckliche Summe. Zudem hatte die Schweiz als Gründungsmitglied der Cannes Lions in der Vergangenheit immer das Anrecht auf mindestens einen Juror. Ein Juror vor Ort ist das absolute Minimum. Wir konnten auf Anfrage drei Juroren vorschlagen, was wir dann auch taten. Einer davon war Livio Dainese, der nun in der Kategorie «Print & Publishing» jurieren wird.

Werden Sie selber nach Cannes reisen?
Ja. Zum einen aus persönlichem Interesse, zum anderen in meiner Funktion als ADC-Präsident. Dabei ist zu sagen, dass das alles andere als klar war. Bei meiner früheren Agentur Havas haben wir in den letzten Jahren die Cannes-Delegation extrem gekürzt und strikte festgelegt, wer aus welchen Gründen gehen soll.

Es sind jedes Jahr weniger Schweizer, die hinreisen. Was rät der ADC?
Die Cannes Lions sind in einer Bewährungsprobe dieses Jahr. Weltweit ist der Unmut über das Festival gross. Das Fernbleiben des gesamten Publicis-Netzwerks ist nur eines von mehreren Zeichen dafür. Die Cannes Lions haben sich zu einer Geldmaschine entwickelt, was in Widerspruch steht zur angespannten Finanzsituation in den Agenturen. In Cannes werden grosse Ideen gefeiert – aber die Ideen, die Kreativität wurden in den vergangenen Jahren von der überpräsenten Technologie an den Rand gedrängt. Kommt hinzu, dass sich kleinere Länder und kleinere Agenturen in der neuen Struktur benachteiligt fühlen. Neben all dem haben andere Wettbewerbe nicht geschlafen. Für mich steht zur Debatte, ob Cannes weiterhin wirklich die Werbe-Weltmeisterschaft ist oder nicht. One Show zum Beispiel ist zu einem grossartigen globalen Wettbewerb geworden und einen D&AD-Pencil zu gewinnen, ist schwieriger und höher zu gewichten als ein Cannes-Löwe.

Das klingt nicht gerade berauschend.
Ja, aber man darf nicht vergessen: Cannes hat eine lange Tradition, nicht nur als Kreativwettbewerb, sondern als Ort der Begegnung von weltweit führenden Kreativen. Und es gibt entlang der Croisette und im Palais des Festivals viele grossartige Veranstaltungen und Seminare mit vielen inspirierenden Persönlichkeiten. Das ist der grosse Unterschied zu den anderen oben genannten Wettbewerben. Daher ist Cannes mehr als nur Einreichen-und-dann-Bescheid-erhalten. Es ist wichtig, dass man sich vor Ort trifft und sich austauscht.

Das wollen sich aber immer weniger Agenturen leisten. Warum?
Die Einnahmen und die Profitabilität der Agenturen sind in den letzten Jahren unter Druck geraten, da bleibt logischerweise weniger zum Investieren. In Cannes zahlt man 3249 Euro für den Festivalpass. Zusammen mit den Kosten für Flug, Hotel und Verpflegung summiert sich das – rechne! Da überlegt sich eine Agentur verständlicherweise schon sehr genau, was denn der Return-on Investment ist.

Der ADC ist wieder Partner der Swiss Party – in Kooperation mit der Swissfilm Association. Wie wird gefeiert, wenn weniger Schweizer dort sind?
Die Swiss Party ist eine schöne Tradition, die im üblichen Umfang stattfinden wird, also ein entspanntes Get-together wie in den Vorjahren. Zudem lädt WerbeWeischer am Vortag zu einem Mittagessen.

 

 



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