09.06.2000

VON GRAFFENRIED MICHAEL JUNIOR, Fotograf/Oktober 1999

Michael von Graffenried, 42 Jahre alt, wohnhaft in Paris, fotografiert Gemeinschaften, die anderen verschlossen sind: Algerien, die Nudisten von Thielle. Mit seinen Themen beschäftigt er sich über viele Jahre. Deshalb ist ihm ein Greuel, wie oberflächlich die heutigen Medien berichten. Doch jetzt ist er selbst ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Blick und Facts bezeichnen ihn als Scharlatan in der Unspunnenstein-Affäre. Interview: Oliver Prange

Wie bist du auf das Thema Algerien gestossen?

"Durch Zufall: Im Herbst 1991 erhielt ich einen Anruf von einem Mitarbeiter der Schweizer Botschaft in Algier. Er fragte mich, ob ich eine Fotoausstellung in Algier machen wolle. Ich schlug vor, gleichzeitig einen Workshop mit algerischen Fotografen zu veranstalten. Das war genau die Zeit, als die dreissigjährige Einparteienherrschaft in Algerien zu Ende ging und freie Wahlen stattfanden. Doch der Traum von Freiheit und Demokratie wurde zum Alptraum. Schrekken und Terror zogen über das Land: Die fundamentalistische Islamische Heilsfront gewann den ersten Wahldurchgang, die Wahlen wurden abgebrochen, das Militär übernahm wieder die Macht. In den Wirren wurden 60 Journalisten und Fotografen ermordet.”

Wie hast du in einem Land gearbeitet, in dem man eigentlich nicht fotografieren kann?

"Ich habe andere arabische Länder wie den Sudan, Syrien, Ägypten und Palästina bereist, doch nirgends hat die Fotografie einen so schwierigen Stand wie in Algerien. Vieles lässt sich mit dem Bilderverbot der islamischen Religion erklären. Im Zusammenhang mit der Kamera stösst vielen Algeriern ihre Vergangenheit unter französischer Herrschaft auf; während des Unabhängigkeitskrieges benutzten die Kolonialherren die Fotografie zur Identifikation Verdächtiger. Meine alte Panoramakamera trage ich auf Brusthöhe, und ich betätige den Auslöser, ohne durch den Sucher zu schauen. Zwei Pfeile zeigen den Bildausschnitt an, eine Wasserwaage die richtige Lage. Das geöffnete Objektiv dreht sich von links nach rechts, als wische es das Bild auf. Eine Belichtungsmessung gibt es nicht, der Fokus ist fix. DieLeute realisieren nicht, dass sie fotografiert werden. Sie schauen gebannt auf die Kamera und warten darauf, dass ich sie vor mein Auge führe, dabei ist das Bild längst gemacht.”

Warum reist du zwölfmal in ein Land, in dem du in Lebensgefahr geraten kannst?

"Durch den Workshop habe ich viele Freunde gewonnen, ich wurde von ihren Familien aufgenommen. In dieser für sie schweren Zeit wollte ich sie nicht alleine lassen. Die Gastfreundschaft der Araber ist gross und sehr herzlich. Ich kann mich in dem Land auch frei bewegen, weil ich ein wenig aussehe wie ein Araber: schwarze Haare und eine matte Haut. Allerdings sprach ich auf der Strasse nicht, weil ich mich als Ausländer verraten hätte. Zu dieser Zeit standen Ausländer auf den Todeslisten der Islamisten. Mein Schweigen fiel denn auch nicht auf, weil die Menschen eh nicht mehr zu ihnen unbekannten Leuten sprachen; das Misstrauen der Bevölkerung untereinander war unglaublich gross. So konnte die islamische Tradition der Gastfreundschaft kaum mehr gepflegt werden. Wenn heute eine algerische Familie einen Fremden beherbergt, kann es geschehen, dass am nächsten Tag die Polizei vor der Türe steht und behauptet, sie hätte einen Terroristen beherbergt.”



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