23.09.2002

STEHRENBERGER MARK, Designer/September 2002

Seit über drei Jahrzehnten lebt der Schweizer Designer Mark Stehrenberger in den USA, wo er Autos ein Gesicht gibt. Auf ihn zurück gehen Formen von verschiedenen Grossraumlimousinen, den Vans, die in den letzten Jahren den Markt aufgerollt haben. Stehrenberger kritisiert die Technikgläubigkeit der Branche, die zu gleichförmigen Autos geführt hat, und plädiert für einen wieder stärkeren Individualismus. Interview: Oliver Prange

Sie kritisieren die heutige Gleichförmigkeit der Autos. Die runden Formen, mit welchen Benzin gespart werden sollte, wurden mit der Zeit vom modischen Trend zum Ärgernis, denn heute lässt sich ein Japaner oft nicht mehr von einem Europäer unterscheiden. Zwar konnte man durch die Stromlinienförmigkeit den Benzinverbrauch vermindern, doch eben: Dies ging zulasten des Charakters.

“Ein Flugzeug muss aerodynamisch und wirtschaftlich sein, ein Auto dagegen nicht. Das Flugzeug ist ein reines Transportmittel, das Auto ein Ausdruck des Charakters des Fahrers. Natürlich spielen Wirtschaftlichkeitskriterien auch eine wichtige Rolle, doch heute bestimmen diese das Aussehen eines Autos. Darum sehen alle gleich aus. Ein Europäer ist von einem Japaner kaum mehr zu unterscheiden. Das ist schlecht für die Imagebildung, um die es bei einem Auto hauptsächlich geht, nachdem es kaum mehr Unterschiede in der Technik gibt. Die Autohersteller sollten heute wieder verstärkt ihr Augenmerk aufs Design legen, denn nur durch Design ist eine Differenzierung noch zu erreichen.”

Das Image betreffend haben deutsche Autos aber noch immer Vorteile gegenüber den japanischen.

“Vielleicht nicht mehr lange. Die Deutschen müssen sich sehr in Acht nehmen, speziell Mercedes. Mercedes hat sich von einer Luxus-Limousine immer stärker dem Trend angepasst, um den Massenmarkt abzudecken. Diese Autos sehen heute manchem Japaner zum Verwechseln ähnlich. Es fehlt Mercedes überdies an Fantasie. Es sehen alle Modelle gleich aus. BMW macht auch Fehler; bei der neuen 7er-Reihe, dem ‘Top of the Line’-Auto. Man baute sehr viel Elektronik ein. Mal abgesehen davon, dass sie zum Teil nicht funktioniert, ist es fragwürdig, weshalb man Neuerungen bei jenem Fahrzeug einbaut, das vorab von älteren, wohlhabenden Leuten gefahren wird. Man muss doch vielmehr Neuerungen eher bei den Autos testen, die das jüngere Publikum anpeilen. Das sind Marketingfehler. Renault hat meiner Ansicht nach im Design den Lead übernommen mit Mégane, Avantime, Vel Satis. Natürlich muss sich erst erweisen, ob diese Innovationskraft auch vom Publikum honoriert wird. Aber Renault beweist Mut.”

Porsche reitet seit fünf Jahren auf einer Erfolgswelle und wächst jedes Jahr absatzseitig zweistellig aufgrund der einheitlichen Marken- und Vertriebsführung. Doch jetzt macht Porsche einen Imagespagat, indem man mit dem neuen Cayenne ein Mehrzweckfahrzeug baut, ein Auto, das die Produktion von Porsche etwa verdoppelt. Wie stark schätzen Sie die Gefahr einer Imageverwässerung ein?

“Wendelin Wiedeking, der CEO, ist ein gerissener Bursche. Er weiss, dass eingefleischte Porsche-Fans nicht auf den neuen Wagen aufspringen werden. Doch wie viele potenzielle Fans gibt es, die sich einen Porsche 911 wünschen, aber keinen kaufen, weil sie vielleicht Familie haben? Der Cayenne ist ein Familienauto, eine Riesenmaschine in Porsche-Qualität. Wiedeking könnte damit eine neue Kundschaft ansprechen. Ich bin gespannt, ob der Cayenne die Marke verstärken oder verwässern wird.”



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