24.03.2005

SCHWARTZ PETER, Futurologe / Maerz 2005

The Day After Tomorrow: In China und Indien wächst derzeit ein Mittelstand von 1,5 Milliarden Menschen heran. Sie bescheren uns den nächsten nachhaltigen Aufschwung, doch auch die grössten Probleme. Es braucht ein neues Energiekonzept, denn die Welt geht unter im Schmutz, und das Öl geht zur Neige. Im Interview mit “persönlich” zeichnet der kalifornische Futurologe Peter Schwartz ein Bild der Zukunft. Schwartz berät die US-Regierung sowie Steven Spielberg und Roland Emmerich bei ihren Filmprojekten.

Herr Schwartz, es scheint, als ob wir alle zehn Jahre einen bestimmten Boom erleben: Ende der Achtzigerjahre einen Immobilien-Boom, Ende der Neunziger einen Internet-Boom – was erwartet uns Ende 2010?

“Ich denke, wenn man vom nächsten Boom spricht, so spricht man in erster Linie von China, und bald danach auch von Indien. Die Tatsache, dass es allein in diesen beiden Ländern in den nächsten 50 Jahren um die 1,5 Milliarden Menschen und damit Konsumenten mehr in der Mittelklasse geben wird, stellt einfach eine phänomenal treibende Wachstumskraft dar. In den nächsten 50 Jahren wird es nichts geben, was dem gleichkommt.”

Wie kann man den kommenden Boom heute schon spüren?

“Man kann das bereits sehr deutlich spüren, etwa am Ölpreis. China ist ja der zweitgrösste Öl-Importeur und importiert mehr oder weniger 100 Prozent des weltweiten Altstahls, was einem Drittel des weltweiten Bedarfs entspricht. Zurzeit schliesst China Verträge mit Venezuela, Brasilien, Nigeria, Angola und anderen ab. Der Hunger nach Rohstoffen scheint unersättlich, denn man baut und baut ja: Staudämme, Strassen, Flughäfen. Im letzten Jahr wurden in China 47 Prozent des Bruttoinlandprodukts in diese Projekte investiert – so etwas habe ich noch nie erlebt. Diese Entwicklung wird wohl noch gut 50 Jahre andauern, was grösstenteils steigende Rohstoffpreise bedeutet.”

Sie behaupten, dass sich Europa zu einer Art Museum für chinesische Touristen entwickeln wird. Läuft Europa generell Gefahr, zu einem Museum zu werden?

“Sehen Sie, ich denke, dass Europa eine sehr deutliche Wahl getroffen hat, die darin besteht, den einmal erreichten Lebensstil zu erhalten, denn man mag, was man hat: die Orte, die kürzeren Arbeitszeiten, das Rentensystem, ein gut ausgebautes Eisenbahnnetz, Museen, Kunst und Kultur – kurz: all die Dinge, die Europa in grosser Quantität vorweisen kann und sehr schätzt. Dafür ist man bereit, verschiedene Dinge zu opfern, wie etwa ein schnelleres ökonomisches Wachstum, raschen Wandel, bedeutende Möglichkeiten für die jüngere Generation. All das macht Europa zu einer sehr angenehmen Besuchsdestination. Meine Freunde in Frankreich mögen es zwar nicht, wenn ich Frankreich als ‘Disney-Land für Erwachsene’ bezeichne – aber genau das ist es. Man erhält, was man hat, und kann damit ja auch eine ganze Menge Geld verdienen. Frankreich ist das mittlerweile bedeutendste Touristenziel weltweit: jedes Jahr etwa 70 Millionen Touristen. Und das ist der Weg, den Europa gewählt hat.”



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