28.01.2002

MAURER UELI, ETH Professor/Februar 2002

ETH-Professor Ueli Maurer ist weltweit einer der renommiertesten Wissenschaftler in Informationssicherheit und Kryptografie. Er glaubt, dass IT einen Paradigmawechsel bewirkt, indem Information zur wichtigsten Ressource der Wirtschaft und Gesellschaft wird. Doch die bevorstehenden Veränderungen und Gefahren sind weder in der Öffentlichkeit noch in Politik und Wirtschaft genügend erkannt. Zum Beispiel könnten die Weltordnung und die Weltwirtschaft durch Cyberkriminalität und -terrorismus ernsthaft gefährdet werden. Interview: Oliver Prange und Reto Wild

Am Dolder-Meeting des Tages-Anzeigers haben Sie die Meinung vertreten, dass das Potenzial der Information Technology (IT) und deren Risiken möglicherweise noch grösser und dramatischer als die heute viel diskutierte Gen- oder Nukleartechnologie sind. Weshalb kommen Sie zu diesem Schluss?

“Ob die IT gefährlicher ist als die Gentechnologie, weiss ich nicht. Letztere hat ein dramatisches Potenzial. Aber sicher ist es so, dass man das Veränderungspotenzial der Informationstechnologie auf die Gesellschaft und die politische Landschaft noch nicht erkannt hat. Diese Thematik birgt Brisanz und Konflikte.”

Zum Beispiel?

“Ein wichtiges Thema ist der Datenschutz. Der wird heute auf einem sehr tiefen Niveau diskutiert. Aber es stellt sich schon die Frage: Welche Informationen von einem Individuum soll oder darf man speichern? Denn man muss davon ausgehen, dass digitale Daten schwerwiegender sind als Papier. Sie bleiben immer irgendwie erhalten und sind deshalb unkontrollierbar. Sie tauchen irgendwann in irgendeinem Zusammenhang wieder auf. Der Vorteil besteht darin, dass man nahezu jedes Verbrechen wird aufklären können. Kriminalisten müssen nur Zugang zu allen Datenspuren haben und diese verfolgen. Man kann anhand der Buchung herausfinden, wohin jemand geflogen ist, anhand des Auto-Online-Satellitensystems, wohin jemand gefahren ist, anhand des Zahlungssystems, was jemand gekauft hat, anhand der Natel-Daten, mit wem jemand gesprochen hat. Dann nimmt man noch die Gen-Daten dazu, und man hat den Täter.”

In diesem Fall ist die IT ein Segen?

“Jede Technologie kann Segen und Fluch sein. Problematisch ist, wenn man bei deren Einführung die Konsequenzen noch nicht abschätzen kann. Es ist wahrscheinlich, dass sich niemand mehr wird verstecken können. Digitale Kameras werden bald nur noch einige Rappen kosten und könnten überall eingesetzt werden. Anhand von Gesichtserkennungs-Software kann man verfolgen, wohin sich ein Mensch bewegt. Ist das ein Segen oder ein Fluch?”



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