04.03.2011

MALIK FREDMUND/Januar/Februar 2011

Fredmund Malik gehört zu den besten Managementexperten der Welt. Der langjährige Professor der Hochschule St.?Gallen und heutige Titularprofessor hat mehrere Bestseller geschrieben und betreibt ein Beratungsbüro mit über 300 Angestellten. Für die Zukunft sieht er düster.

Herr Professor Malik, wie schätzen Sie die momentane wirtschaftliche Situation ein?

Die Situation ist sehr trügerisch. Da der Mensch schnell vergisst, ist er bereits wieder euphorisiert und glaubt, er befände sich in einer Hochkonjunktur. Gerade in Deutschland ist dies der Fall, dabei ist deren Bruttosozialprodukt noch immer niedriger als vor der Krise. Um es in einem Bild zu zeigen: Diese Beschwingtheit erinnert mich an den Zustand eines Betrunkenen, Hirn und Körper funktionieren zwar noch, sind aber nur noch schwerfällig und unpräzis zu steuern. Der Alkohol im Bild sind die Schulden, die wir weltweit schon vorher und jetzt ganz besonders aufgenommen haben, um unsere missliche Lage zu überdecken. Für die Regierungen stellt sich die Frage: Sollen wir dem Alkoholiker noch mehr Schnaps geben, also noch mehr Schulden machen, oder mit einer konsequenten Entwöhnung beginnen und die Probleme wirklich lösen? Leider tippen die meisten auf das Erste.

Sehen Sie die jetzige Situation nicht zu pessimistisch?

Nein. Ich habe die beiden letzten Krisen, die Dotcom-Blase und die Finanzkrise, bereits vorausgesagt, als noch kaum jemand davon sprach, unter anderem auch deshalb, weil ich die Geschichte recht gründlich kenne. Die Weltwirtschaftskrisen der letzten 200 Jahre und sogar noch weiter zurück, sind weitgehend nach dem gleichen Muster verlaufen: Nach den ersten Einbrüchen folgt ein oft sogar starker Aufschwung, bevor es dann richtig kracht. Die ganze Finanzverrottung, das heisst der Aufbau von Schulden, sollte schon Alarmzeichen genug sein. Um einen Dollar Bruttosozialprodukt zu erzeugen, benötigte man in den USA in den 2000er-Jahren bereits sechs bis acht Dollar Kredit. Das ist eine äusserst schlechte Effizienz und für ein System langfristig tödlich, wie progressiver Alkolholismus. Sollte sich die Geschichte dem Grundmuster nach wiederholen, befinden wir uns zwar momentan in der Euphorie­phase, doch schon bald wird es auf den Aktienmärkten zu einem erneuten Absturz kommen, der weit dramatischer sein wird als alles Bisherige.

Dramatischer als die Finanzkrise vor zwei Jahren?

Viel dramatischer.



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