14.06.2000

KELLER WALTER, Scalo-Verlag/Juli 1998

Walter Keller – Er zählt zu den wichtigsten Fotografie-Verlegern gemäss einer amerikanischen Branchenzeitschrift, doch in der Schweiz ist er wenig bekannt. Walter Keller hat mit seinem Zürcher Scalo-Verlag die Weltrechte von Robert Frank, Nan Goldin und seit kurzem auch von Helmut Newton. Im September eröffnet er eine Galerie in New York gegenüber dem Guggenheim Museum in Soho. Keller erkennt Trends, lange bevor sie für die Werbung nutzbar sind. Interview: Oliver Prange

Welche Trends in der Fotografie würden Sie als aktuell oder zukunftsweisend bezeichnen?

"Nach dem Yuppie-Design der 80er Jahre mit all den herausgeputzten Dingen musste eine Gegenbewegung folgen. Es kam die Suche nach der Unmittelbarkeit. So riss man in den folgenden Jahren die Schönheitsideale der Reihe nach ab. Man vermittelte jetzt ein Lebensgefühl, das dem Heldenhaften, der Souveränität, dem Schönen direkt entgegensteht. Es entstand vielmehr eine gewisse ‘fucked-up’-Stimmung in der Fotografie, die aber viel mehr Unmittelbarkeit, Nähe und Intimität ausdrückt. Nan Goldin war die erste Fotografin, die mit dieser Gegenbewegung – allerdings lange vor der Modefotografie – begonnen hatte.”

Aber die Yuppie-Gesellschaft ist längst überholt. Zuerst die Rezession und heute die Globalisierung bedeuten ein ganz anderes Lebensgefühl.

"Meine Voraussage ist, dass innerhalb der nächsten Jahre in der Kunstfotografie eine Wiederherstellung von Zärtlichkeit und Schönheit aufkommen wird, aber in einer Form von Ehrlichkeit und nicht Herausgeputztheit wie damals. Es wird wieder positiv geladene Bilder geben, also ‘ein Sich-Wohl- Fühlen’ in der eigenen Haut und das Demonstrieren desselben. Ich behaupte, dass das Thema Sex explodieren wird, sobald ein Aids-Medikament auf dem Markt ist. Heute ist das Thema derart unterdrückt, besonders in den USA, dass man auf eine bestimmte Art dieses Monogame, Häusliche und Private brechen und ein Revival der sexuellen Revolution herbeiführen wird. Der dritte Trend ist, glaube ich, dass die grossen Themen wieder zurückkehren wie Geburt, Tod, Zusammenleben und Lebenszyklus.”

Sind diese Trends nicht gegenläufig?

"Das muss nicht sein. Ich glaube grundsätzlich, es kommt eine Welle auf uns zu, da die Leute wieder ihre eigene Identität suchen. Sie wollen mit sich selbst eins sein. Ich glaube dies zu erkennen aus den Projekten, die mir zugesandt werden, speziell von jenen der jüngeren Generation. Ironie und Zynismus sind dabei völlig out. Was mir zudem auffällt ist, dass die Frauen immer stärker werden in der Bildsprache. Die Männer sind irgendwie ausgepowert, der männliche Blick auf sich selbst in der Fotografie, ich glaube, das war’s wohl.”



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