04.07.2006

KALL MARTIN, CEO Tamedia/Juli 2006

Turnaround: Die Lancierung von TV 3 war ein Fehler, gesteht CEO Martin Kall ein, aber die Einstellung des Senders war ein mutiger Entscheid, denn das ermöglichte den Kauf von 20 Minuten. Seit Kall am Ruder ist, wurde die Tamedia durchgeschüttelt, Hunderte von Mitarbeitern wurden entlassen. Das war nötig, denn ohne Stellenmarkt wäre die Tamedia seit 1990 defizitär. Kall sagt, wie er den Turnaround bewältigte und welches seine nächsten persönlichen Ziele sind.

Herr Kall, Sie sind nun seit vier Jahren CEO von Tamedia. Welches war Ihre wichtigste Entscheidung, die Sie in dieser Zeit getroffen haben?

“Wir hatten 2002, als sich unsere Ergebnisse drastisch verschlechterten, den Mut, uns einer Bestandesaufnahme zu unterziehen. Dies war eminent wichtig. Deren Erkenntnisse lieferten uns die Grundlage für die richtige Entscheidungsfindung und letztendlich für die Strategie, die heute noch gilt.”

Aber eigentlich ist eine solche Bestandesaufnahme in jeder gut geführten Firma selbstverständlich ...

“Natürlich ist eine solche Bestandesaufnahme selbstverständlich. Wenn ein Unternehmen aber plötzlich ein ganz anderes Betriebsergebnis erwirtschaftet, als vor dem Börsengang geplant, tauchen Selbstzweifel auf, man sucht nach den Ursachen. Dies liegt in der menschlichen Natur. Wir stellten uns zum Beispiel die Frage, ob dieser Einbruch konjunkturell oder strukturell bedingt war. Für uns war es entscheidend, dass wir uns dieses Jahr Zeit genommen haben, um unsere Stärken und Schwächen zu analysieren, und dabei zu dem Schluss kamen, dass die identifizierten Schwächen grösstenteils struktureller Natur waren.”

Lange lautete die Devise im Hause: Solange der Stellenmarkt funktioniert, kann man sich alles leisten.

“Mit diesem Grundsatz haben wir damals gebrochen. Das Geschäft soll auch ohne Stelleninserate leben. Werfen diese aber Gewinne ab, ist es umso besser und bildet sozusagen das Sahnehäubchen. Während der letzten Jahre wurde uns schmerzlich bewusst, dass der Stellenmarkt ein Geschäft ist, welches zwar einfach funktioniert, gleichzeitig aber auch sehr gefährdet ist. Im Gegensatz zu anderen Marktsegmenten können wir den Stellenmarkt kaum beeinflussen. Die Bestandesaufnahme zeigte uns klar, wie abhängig Tamedia in der Vergangenheit von diesem Geschäftsmodell war. Sarkastisch ausgedrückt: Wir waren wie ein Drogensüchtiger, der nur mit seinem Stoff überleben konnte. Da wir nicht wissen, ob die Stelleninserate in vollem Umfang in die Printmedien zurückkommen, entwickelten wir unsere neue Devise, wonach Tamedia auch ohne Stellenanzeigen erfolgreich sein kann. Ich bin der festen Ansicht, dass dies mit starken Medien möglich ist.”



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