08.02.2006

HASLER LUDWIG, Publizist/Januar/Februar 2006

Der verkörperte Zwiespalt: Menschen sehnen sich nach Ruhe und Eindeutigkeit. Doch dadurch handeln sie gegen ihre Natur, sagt Philosoph Ludwig Hasler. Denn der Mensch ist nichts Eindeutiges. Er ist der verkörperte Zwiespalt. Er hängt irgendwo zwischen dem Geist und dem Animalischen. Mensch ist er nur, solange er in dieser Spannung bleibt, solange er sich nicht versimpelt zu einer Eindeutigkeit. Um vergnügt zu leben, müsste er seine Doppelnatur akzeptieren.

An Fachtagungen jeder Art lädt man Sie ein, damit Sie die Rolle des Hofnarren spielen, der den Spezialisten den Spiegel vorhält. Was geschieht?

“Ich höre mir ein, zwei Tage an, was diese Fachleute einander fachmännisch erzählen. Dann halte ich aus dem Stegreif eine Stunde lang mein Abschlussreferat. Natürlich wollen die von mir ein bisschen abschliessende Heiterkeit, ein paar Unverschämtheiten. Aber sie wollen auch etwas lernen. Fachmännisch kann ich ja nicht mitreden, also muss ich einen Schritt zurückgehen und mich fragen, von welchem Menschenbild diese Profis ausgehen. Ärzte gehen zum Beispiel davon aus, dass der Mensch ein möglichst defektloses, ein möglichst eindeutiges Wesen sein sollte – komplett gesund an Leib und Seele. Ich sage ihnen dann, dass sie genau an diesem Bild scheitern. Denn der Mensch ist nichts Eindeutiges. Er ist der verkörperte Zwiespalt. Er hängt irgendwo zwischen dem Geist und dem Animalischen. Mensch ist er nur, solange er in dieser Spannung bleibt, solange er sich nicht versimpelt zu einer Eindeutigkeit.”

Dabei will der Mensch doch etwas ganz anderes. Er strebt nach Ruhe, sucht seine Heimat, seine Wurzeln. Geht er in die falsche Richtung, wenn er die Ruhe sucht?

“Ich denke schon. Auch die meisten Religionen wollen den Menschen aus seiner programmierten Unruhe befreien. Mit einer Ausnahme, dem Christentum. Das will den Menschen nicht beruhigen. Es will den Menschen im Drama, im Welttheater zwischen den Mächten des Guten und des Bösen einspannen. Da pendelt der Mensch zwischen Gnade und Sünde, und er kann sich nicht befreien. Der Mensch handelt gegen seine Natur, wenn er nur Ruhe und Eindeutigkeit sucht. Um vergnügt zu leben, müsste er seine Doppelnatur akzeptieren

Die alten Griechen kannten bereits diese Doppelnatur. Warum ist der Mensch im Laufe der Jahrtausende nicht weitergekommen?

“Die Griechen hatten ein gelassenes Verhältnis zur Vielschichtigkeit des Menschen. Der gute, der gelungene Mensch war für sie der kräftige Mensch. Der alle seine Anlagen in Hochform bringt – nicht nur sein Denken, sondern auch seine Sinnlichkeit. In der Neuzeit versuchte man, zwischen dem Verstand und der Sinnlichkeit einen Widerspruch zu konstruieren. Den man dann auf Kosten der Sinnlichkeit aufzulösen versuchte. Mit der Neuzeit hat eine Art Verstandesdiktatur angefangen. Der Mensch fängt an, die Welt in Griff zu nehmen. Da muss er seine animalische, seine sinnliche Person beherrschen.”



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