24.03.2005

HARDING DANIEL, Dirigent / Maerz 2005

Leadership: Im Februar dirigierte der 30-jährige Engländer Daniel Harding zum ersten Mal das Zürcher Tonhalle-Orchester mit einer Brahms-Sinfonie. In Grossbritannien gilt er als Wunderkind des Taktstocks. Seit seinem Debüt mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra 1994 dirigierte er Spitzenorchester weltweit. Im Gespräch mit Egon P. Zehnder, dem Gründer der Unternehmensberatung Egon Zehnder International, äussert sich der Maestro der Zukunft über Musik, Fussball und Business. Interview: Egon P. Zehnder Fotos: Rüdiger Nehmzow

In unserer Profession müssen wir ständig versuchen, unseren Horizont zu erweitern. Das verlangt – ich spreche mit einem Dirigenten – kreatives Hören, lernendes Hören, vor allem, wenn wir die Prinzipien und Probleme des Führens in einer sich wandelnden Welt begreifen wollen. Ziehen Sie in Ihrer Tätigkeit als Dirigent manchmal Parallelen zu anderen Bereichen?

“Es gibt zum Beispiel Parallelen zwischen dem Sport und der Musik. Die physische Arbeit des Musikers und des Dirigenten ist der des Sportlers verwandt. Doch die Sorgfalt, die Sportler ihrer physischen Verfassung angedeihen lassen, ist ungleich höher als bei Musikern. Musiker kommen, spielen ein Konzert und gehen nach Hause. Die Vorstellung, dass ein Fussballteam zusammenkommt, wenn es den einzelnen Spielern passt, dass diese gegessen haben, worauf sie Lust hatten, dass sie nach dem Spiel verschwinden, eine Zigarette rauchen und ein Bier trinken, all dies ist undenkbar. Das ist keine Vorbereitung, um in physisch bester Verfassung zu sein. Aber Musiker sollten so fit und konzentriert sein wie Sportler.”

Wo wir gerade beim Fussball sind: Über sein griechisches Team, das im letzten Jahr Europameister wurde, hat Trainer Otto Rehhagel gesagt, dass früher jeder tat, was ihm gefiel, während heute jeder macht, was er am besten kann. Ist das nicht eine gute Beschreibung – Leadership bringt individuelle Qualitäten zur Entfaltung und stellt sie in den Dienst eines Teams?

“Ich denke, das ist Leadership. Aber man darf das nicht absolut sehen. Welche Eigenschaften eine Führungspersönlichkeit braucht, hängt von der Rolle ab, die sie ausfüllen muss. Rehhagel trug die Verantwortung für ein Team, das früher nicht sehr erfolgreich war. Er hatte einen ganz bestimmten Auftrag: Finde die besten griechischen Fussballer und hole das Beste aus ihnen heraus. Keiner hat erwartet, dass sie so weit kommen würden. Aber irgendwie hat er das Wunder bewirkt.”

Wahrscheinlich zu seiner eigenen Überraschung. Aber in einer Krise braucht ein Team doch nicht nur einen geschickten Koordinator, sondern jemanden, der führt.

“Vielleicht hat Rehhagel gemerkt, dass die Fähigkeiten seiner Spieler eher destruktiv als konstruktiv waren. Manchmal zeigt sich Führungsstärke darin, das Beste aus den vorhandenen Individuen herauszuholen, und manchmal darin, die geeigneten Personen auszuwählen.”



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