20.12.2002

GUNTERN GOTTLIEB, Kreativitätsforscher/Dezember 2002

Warum stehen in der Macht von Nationen und Unternehmen selten die Leute mit der höchsten menschlichen Kompetenz? Führungskräfte sind oft nur die Spitzen des Mittelmasses, aber keine Eliten. Es fehlt bei Machtmenschen das Repertoire des differenzierten Verhaltens, das ein Wesensmerkmal des kultivierten Menschen ist. Gottlieb Guntern, Psychiater und Kreativitätsforscher, legt im “persönlich”-Interview dar, warum unsere Gesellschaft besser dran wäre, wenn sie Menschen mit überdurchschnittlichen Kompetenzen entscheiden liesse. Interview: Oliver Prange

Wie läuft der Denkvorgang beim Menschen ab?

“Komplex und geheimnisvoll. Die Neurobiologie hat gezeigt, dass wir fünf unterschiedlich strukturierte Hirnteile haben, die unterschiedlichen Funktionen dienen. Der kreative Mensch ist fähig, mit allen fünf Hirnteilen zu denken und deren komplementäre Funktionen gut zu integrieren. Das Kleinhirn dient unter anderem der Integration und Feinregulierung von Bewegungen sowie der Gleichgewichtserhaltung. Es reguliert die sensomotorische Intelligenz, die mit den Fingern begreift und erfasst, was mental begriffen und erfasst wird. Das Instinkthirn reguliert sämtliche Grundvorgänge, die für das Überleben der Spezies (Sex, Brutpflege) und des Individuums (Hunger, Durst, Stoffwechsel, Temperatur, Schlaf, Traum) wichtig sind. Das Emotionshirn reguliert unsere Gefühle und Stimmungen, und es fällt ichzentrierte, absolutistische und rigide Urteile. Das Vernunfthirn denkt und urteilt weltzentriert, relativistisch und flexibel, das heisst, es fragt sich, was für die Welt und nicht nur für das Ich gut ist; es ist die biologische Voraussetzung für die menschliche Kultur. Die dominante Hemisphäre des Vernunfthirns denkt logisch-rational, analytisch-dualistisch und in Sprache. Die nicht-dominante Hemisphäre des Vernunfthirns denkt intuitiv, ganzheitlich-einheitlich und in Bildern. Jeder Mensch hat pro Hirnteil unterschiedliche Begabungen. Aus diesen Fähigkeiten werden dank Training Fertigkeiten. Die Geigenvirtuosin Anne-Sophie Mutter besitzt neben ihrer musikalischen Intelligenz sicher eine hoch entwickelte sensomotorische Intelligenz, sonst könnte sie nicht so grossartig spielen.”

Warum stehen in der Macht von Nationen und Unternehmen selten die Leute mit der höchsten menschlichen Kompetenz?

“In jeder Gruppe gibt es eine Gauߒsche Normalverteilung. Diese besagt, dass es eine Minderheit von Menschen mit niedriger menschlicher Kompetenz gibt, eine Minderheit mit hoher menschlicher Kompetenz und eine grosse Mehrheit mit durchschnittlicher Kompetenz. Wir leben heute in einer Mediokratie, weil beinahe überall Menschen mit durchschnittlicher oder unterdurchschnittlicher Kompetenz am Ruder stehen. Die Mediokratie sieht die konformistische Anpassung an eine wie auch immer geartete Mehrheitsmeinung als einen obersten Wert an, der in einer konkreten Situation unser Wahrnehmen, Denken, Fühlen, physiologisches Funktionieren und Verhalten bestimmen soll. Die Mediokratie führt somit zu einer opportunistischen Unterwerfung unter das nur vermeintlich oder de facto existierende Diktat der statistischen Mehrheit. Dies wäre nicht so schlimm, wenn unsere Gesellschaft vor mittelmässigen Herausforderungen stünde. Sie steht jedoch heute vor überdurchschnittlichen Herausforderungen; dieser Umstand schafft Probleme. Menschen mit unterdurchschnittlichen Kompetenzen werden heute vielfach von einem anständigen Sozialsystem beschützt, und das ist gut so. Leider vernachlässigen wir jedoch die Menschen mit überdurchschnittlichen Kompetenzen. Dies ist schlecht, denn aus dieser Gruppe müssten wir eigentlich unsere Führungskräfte rekrutieren; und diese Gruppe war seit jeher der Motor der Kulturevolution. Wir ziehen jedoch das Mittelmass vor und versuchen dabei, das Gesicht der Inkompetenz durch allerlei Manöver zu maskieren. So entsteht das, was ich den Maskentanz der Mediokratie nenne. Es ist ein Tanz, dessen Choreografie manchmal schwer zu durchschauen ist.”

Für Sie sind Machtinhaber generell also nur die Führer des gehobenen oder sogar des anspruchslosen Mittelmasses?

“Nicht alle, natürlich. Aber viele. Sonst sähe es heute weltweit in Kirche und Staat, in Wirtschaft und Politik, im Gesundheits- und Erziehungswesen wohl anders aus. Mediokratie züchtet Sardinen, die mitten im Schwarm ihr Heil suchen, und nicht Forellen, die solo durch das kristallklare Wasser eines Bergbachs flitzen. Grosse gesellschaftliche Herausforderungen können jedoch nur gemeistert werden, wenn Eliten – also Gruppen von Individuen mit überdurchschnittlichen Kompetenzen – Führungspositionen innehaben. Wir haben im Spitzensport und Topentertainment einen wahren Elitekult entwickelt. Ausgerechnet auf zwei Gebieten, die für die Zukunft unserer Gesellschaft nicht von vitaler Bedeutung sind. Auf allen anderen Gebieten begegnen wir jedoch den Eliten mit Misstrauen oder gar mit Ablehnung. Weshalb? Weil Menschen mit überdurchschnittlichen Kompetenzen autonom denken können, ein kritisches Urteilsvermögen und Zivilcourage besitzen und sich somit dem Sog der Mediokratie entziehen.”



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