08.06.2000

GESER HANS, Professor Zürich/Februar 2000

Er ist der Internet-Guru unter den Wissenschaftlern: Hans Geser, Professor der Soziologie an der Uni Zürich. Geser hält das Mediensystem für rückständig und die Journalisten für die letzten Kulturmandarine. Die Erfindung des Internets ist für ihn ähnlich bedeutend wie jene der Elektrizität. Doch ob es für die Wirtschaft zum Segen oder Fluch wird, darauf hat noch niemand eine Antwort. Interview: Oliver Prange

Sie bezeichnen Journalisten als die letzten Kulturmandarine, die ihre Stellung dazu missbrauchen, anderen zu sagen, was wichtig ist. Glauben Sie im Ernst, was Sie sagen?

"Es ist auffällig, wie im Mediensystem nach wie vor sehr asymmetrische Zustände herrschen. In vielen Institutionen der Gesellschaft ist in den letzten 30 Jahren doch einiges passiert. Es herrscht keine Monologkultur mehr, sondern eine Dialogkultur; Lehrer machen weniger Frontalunterricht: Sie beziehen die Schüler in den Unterricht mit ein. Pfarrer gestalten gemeinsame Gottesdienste. Da ist das Mediensystem etwas rückständig: Es wird immer noch sehr viel gepredigt und missioniert und das nicht nur am Sonntag, sondern die ganze Woche lang. Das hatte in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts noch eine gewisse Legitimation, denn die Medien waren damals grossenteils Partei-Organe. Wir haben miterlebt, wie sich die Medien aus diesen Verankerungen gelöst haben. Nun stellt sich die Frage: Was vertreten sie denn heute, und in welchem Namen missionieren sie? Es ist doch so, dass die, die zufälligerweise Journalisten sind, die Gelegenheit nutzen, um ihre subjektiven Meinungen zu verbreiten. Dabei gibt es Hunderttausende von Bürgern, die auch begründete Meinungen vertreten und die Chance haben sollten, diese zu verbreiten.”

Sie stellen damit die Funktion des Journalisten in Frage?

"Nein, die stelle ich nicht in Frage. Ich möchte damit nur sagen, dass Journalisten Handwerker sind, die wissen wie man Informationen besorgt, verarbeitet und präsentiert. Das ist ihr Job. Wenn es aber darum geht, eine Meinung zu äussern, ist der Journalist ein Bürger wie jeder andere auch. Er hat nicht mehr Rechte, um derartige wertorientierte Urteile zu verbreiten.”

Journalisten sind aber nicht eine einheitliche Partei, die gemeinsam für oder gegen etwas stehen, sondern es gibt das ganze Spektrum von ganz links bis ganz rechts. Insofern stehen sie stellvertretend für den Bürger, der im übrigen auch überfordert ist, sich über alles eine Meinung zu bilden.

"Der Journalist ist genauso überfordert wie der Bürger. Vor allem im Tagesjournalismus wird nicht viel unternommen, um ein Thema gründlich zu behandeln. Darum werden ja viele zu missionierenden Journalisten, sie sagen sich: ‘Wenn ich schon kein guter Journalist sein kann, bin ich wenigstens ein guter Mensch’, und dann stellen sie ihr moralisches Urteil als Ersatz für eine gute Analyse in die Zeitung. Und übrigens stimmt das ja nicht, dass wir ein solch kontroverses Mediensystem haben. Unsere Medien, insbesondere die Presse, sind doch sehr gouvernemental orientiert. Es hat sich bei den letzten Wahlen gezeigt, dass man fast monolithisch Stellung genommen hat gegen die SVP. Da ist keine grosse Meinungs-Streubreite vorhanden. Obwohl wir die formelle Freiheit der Presse haben, besteht eine konforme staatstreue Orientierung.”



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