07.08.2003

FEHLBAUM ROLF, Vitra/August 2003

Kultur als Basis des Wirtschaftens: Rolf Fehlbaum, der Kopf von Vitra, hat es verstanden, aus dem einstigen Lizenz-Produzenten für Stühle eine massstabsetzende Institution zu errichten. Mit welchen Werten, mit welcher Haltung, mit welchen Gedanken entstand Vitra? Rolf Fehlbaum im Interview mit "persönlich” über Werkbesessenheit und ihre Kraft. Interview: Oliver Prange. Fotos: Marc Wetli

Auf welche Weise führen Sie Ihr Unternehmen? Welches sind Ihre Normen, welches Ihre Werte?

“Da gibt es keine Formel, keine festgeschriebenen Regeln. Die Werte sind die Werte der Designbewegung, der Glaube an die befreiende und inspirierende Kraft des Designs. Diese Werte sind in den Köpfen der Mitarbeiter durch tägliche Einübung über lange Zeit zur Selbstverständlichkeit geworden. Wenn man über Identität nachdenken muss, hat man keine. Innerhalb dieser fixierten Wertewelt sind die ständige Infragestellung und der beständige Wandel notwendig. Diese zu fordern und zu fördern ist die Aufgabe des Unternehmers. Die Stärke des Unternehmers (und für das private Umfeld oft seine Schwäche) ist, dass er von seinem Projekt besessen ist und ohne Unterlass an diesem Projekt bastelt und es weiterdenkt. Das hat mit der konventionellen Vorstellung von materieller Akkumulation nichts zu tun. Es geht um Werkbessessenheit. Und weil der Unternehmer im Prinzip alles infrage stellen, alles verändern kann und für alles gerade stehen muss – also empowered ist – fällt ihm viel ein. Das ist weniger eine Leistung des Individuums ‘Unternehmer’ als eine Folge der Rolle ‘Unternehmer’. Keiner steht zwischen Wollen und Tun. Das fördert die Aufmerksamkeit.”

Sie entdeckten Architekturtalente, indem Sie sie Fabrikgebäude bauen liessen. Sie haben ein eigenes Design-Museum neben der Fabrik errichten lassen, das berühmt wurde. Man hat den Eindruck, dass Sie mit Ihrem Unternehmen Kultur erzeugen. Das geht weit darüber hinaus, was die meisten Unternehmen anpeilen: Rendite zu erwirtschaften.

“Ich weiss nicht, wie man ein Unternehmen nach reinen Renditegesichtspunkten führen würde. Voraussetzung für eine Rendite ist, dass man etwas Nützliches bietet, das sich von anderen nützlichen Angeboten unterscheidet. Persönliche Interessen an Architektur und Design verbinden sich bei Vitra auf ganz selbstverständliche Weise mit der wirtschaftlichen Tätigkeit. Daraus entsteht ein kulturell-kommerzieller Mix, der offenbar ein guter Nährboden für Produkte und deren Kommunikation ist. Da man täglich an dem Werk arbeitet und das ganze Leben mit diesem Projekt verbindet, kommt es natürlich nicht nur auf das Machen an, sondern ebenso auf das ‘Wie’, auf die Form dieses Machens. Diese unablässige Auseinandersetzung mit dem ‘Wie’ des Machens, ob es um ein Produkt, einen Brief, eine Verkaufsunterlage, die Architektur, einen Messestand geht, und die Zusammenarbeit mit eigenwilligen Autoren, die gestalten, machen das designorientierte Unternehmen aus. Und es sichert ihm Distanz und Differenz gegenüber denen, die im Prinzip gleiche Ziele leidenschaftslos und nur pragmatisch verfolgen. Von dieser Differenz lebt das Business-Modell Vitra.”

Vitra ist, was Sie denken. Sie können sich durch Vitra verwirklichen?

“Wenn Vitra nur wäre, was ich denke, gäbe es Vitra in der heutigen Form nicht. Es gibt so viele Aspekte des Unternehmens, die von anderen besser verstanden und bearbeitet werden, als ich dies könnte. Richtig ist aber, dass ich meine Anlagen und Möglichkeiten durch Vitra realisieren konnte und kann. Vor allem auf dem Gebiet des Designs. Die Identifikation des Unternehmers mit dem Gestaltungsprozess ist Voraussetzung dafür, dass ein designorientiertes Unternehmen entstehen und leben kann. Die Stärke dieser Identifikation durch den Unternehmer und mit dem Unternehmer ist auch ein Schwäche, weil sie dazu führt, dass andere im Unternehmen sich nicht an das Thema heranwagen. Deshalb ist die Nachfolge im designorientierten Unternehmen besonders kritisch. Es gibt mehr negative Erfahrungen als positive.”



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