15.08.2007

BRODBECK KARL-HEINZ, Philosoph/Juli/August 2007

Weltsicht: Der deutsche Philosoph, Kreativitätsforscher und Wirtschaftsethiker Professor Karl-Heinz Brodbeck im “persönlich”-Gespräch über die Parallelen zwischen dem Römischen Reich und der heutigen Finanzindustrie, das Geheimnis von George Soros, den Aufstieg Chinas als Weltwirtschaftsmacht und Afrika-Investor, die Energiepolitik der USA, die EU als vermeintliche Fehlkonstruktion und Russland als demokratische Fehlgeburt.

Sie sprechen in Ihren Vorträgen von dem Börsen-Milliardär George Soros und seinem Geheimnis. Was ist sein Geheimnis?

“Ich glaube, das eigentliche Geheimnis besteht darin, dass er kein Geheimnis hat. Er setzt Marktmacht in Aktion um. Das ist alles. Das kann Otto Normalverbraucher mit ein paar 100000 Franken oder Euros nicht nachmachen; das würde nicht funktionieren. Man muss grosse Marktmacht ausüben können, um den Markt zu beeinflussen. Man muss sehr, sehr viel Geld besitzen, um über die Beeinflussung der Märk-te zusätzliche Rendite erwirtschaften zu können. Grosse Unternehmen tun das auch gerne und sehr häufig. Man nennt das Kurspflege. George Soros hat sich auf Währungen spezialisiert. Das geht so: Man wählt eine Währung, über die es schon Gerüchte einer Schwäche gibt. Dann nimmt man im Land einen grossen Kredit in dieser Währung auf – wer schon sehr reich ist, hat auch sehr viel Kredit. Nach kurzer Zeit wird die aufgenommene Geldsumme auf den Markt zum Verkauf gegen Dollar geworfen, noch zum alten Wechselkurs und fast ohne Verlust. Der Kurs dieser Währung sinkt daraufhin aber rapide, abhängig vom Verkaufsvolumen und der dadurch ausgelösten Verkaufspanik. Dann kauft man diese Währung zum gesunkenen Kurs zurück und tilgt den Kredit. Die Differenz ist der Spekulationsgewinn.” Um das tun zu können, muss er aber schon sehr reich sein. Wie ist er das geworden? “So ist es. Aber wie heisst es: ‘Über die ers-te Million schweigt man sich aus.’ Bei Soros müsste man sagen: ‘Über die erste Milliarde.’ Soros kaufte den später berühmten Quantum Fund mit seinem Partner Jim Rogers für vier Millionen US-Dollar, ein Hedge-Fonds, der zunächst – trotz hoher Renditen – eher unbekannt bliebt. Am Anfang stand sicher auch Glück, doch mit der Grösse des Fonds wuchs die Marktmacht – und 1992 wurde Soros’ Spekulation gegen das englische Pfund berühmt: ein klassischer Fall von Rendite durch Marktmanipulation. Soros hat auch nie ein Geheimnis daraus gemacht. Nur haben andere ihm das nicht geglaubt und vermuten etwas dahinter.”

Sind dann solche Marktbewegungen nicht eigentlich Hirngespinste? Ist Geld wirklich ein Hirngespinst, wie Sie sagen?

“Ich spreche von einer globalen Täuschung. Geld ist nicht ein Hirngespinst im Sinn von Einbildung. Geldwerte beruhen auf einem kollektiven Glauben. Wenn man an steigende Kurse glaubt und wenn das viele tun und entsprechend handeln, dann steigen die Kurse tatsächlich. Das nannte man in alter Zeit Magie. Es ist heute eine praktische Magie und an den Aktienmärkten ganz alltäglich. Der Geldwert selbst hat keine Substanz. Ich glaube nicht, dass man Geld auf einen objektiven Wert zurückführen kann, zum Beispiel auf den Goldwert. Wenn man aber die Erkenntnis gewonnen hat, dass Geldwerte am Markt durch die Teilnehmer selbst immer wieder neu erzeugt werden, dann muss man auch dem Satz zustimmen, dass Geld keinen Kern, kein von seinem Schein verschiedenes Wesen hat, sondern auf dem Glauben an seinen Wert beruht.”

Ist Geld dann nicht eigentlich eine Religion?

“So könnte man sagen. Es gibt genügend Beispiele, die zeigen, dass eine ganze Nation in den Taumel eines Wahns verfallen kann – aus Deutschland kommend, weiss ich, wovon ich spreche – und plötzlich Dinge für wirklich hält, die im Nachhinein als Wahnsinn erscheinen. Aber genau das geschieht mit einem anderen Wahnsystem fast täglich an den Finanzmärkten.”



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