23.04.2003

BRANTSCHEN NIKLAUS, Bildungshaus Bad Schönbrunn/April 2003

Die Nachrichten aus der Unternehmenswelt – von Swissair bis Novartis/Roche – vermitteln den Eindruck, unsere Wirtschaftsführer hätten die Bodenhaftung verloren. Pater Niklaus Brantschen, Direktor des Bildungshauses Bad Schönbrunn in Edlibach bei Zug, sieht in der Wirtschaft häufig die “Schrumpfgestalt des Menschen” am Werk. Er plädiert für eine neue Ganzheitlichkeit, in der mentale, emotionale und spirituelle Intelligenz im Menschen vereint sind und er wieder zum Homo sapiens sapiens wird. Interview: Oliver Prange, Fotos: Marc Wetli

Bei Managern von grossen Konzernen geht man eigentlich davon aus, dass sie das Beste wollen – und hört dann plötzlich von absurden Löhnen und Abfindungen. Sind diese Manager sich ihrer Verantwortung noch bewusst, können sie die Verantwortung für solche Riesengebilde überhaupt noch wahrnehmen? Gauben Sie, dass da eine Art von Bewusstseinsveränderung stattfindet, wenn ein Manager plötzlich an der Spitze eines so grossen Unternehmens steht?

“Was stattfindet oder nicht stattfindet, wenn jemand an die Spitze katapultiert wird, kann ich nicht beurteilen. Es scheint mir allerdings, dass viele, wenn auch nicht alle, die Bodenhaftung verlieren. Da werden plötzlich ganz gewöhnliche, alltägliche, banale und trotzdem wichtige Probleme von ihnen ferngehalten. Die sind so weit weg von dem, was sie tun oder meinen tun zu müssen, dass sie abheben. Und dann nur noch funktionieren.”

Was heisst denn Bodenhaftung verlieren?

“Bodenhaftung verstehe ich wortwörtlich: mit beiden Beinen auf dem Boden stehen, geerdet, im Kontakt zu Mutter Erde sein. Das hat mit dem ursprünglichen Bebauen der Erde zu tun, wo nur etwas passiert, wenn ich Hand anlege, wenn ich die Erde beackere. Dazu gehört auch der Schweiss. Das aber geht immer mehr verloren.”

Nun sind wir alle einmal klein gewesen und hatten diese Bodenhaftung. Wie kann man so etwas überhaupt verlieren?

“Wir verlieren eben nicht nur die Bodenhaftung, sondern auch die Unmittelbarkeit, den Kontakt zueinander, den Kontakt zur Umwelt und nicht zuletzt den Kontakt zu uns selber. Wenn ich meine Körperlichkeit, meine Befindlichkeit, meine Ängste und Sorgen, meine Freuden nicht mehr richtig wahrnehmen kann, weil mir die Zeit dazu fehlt, dann gerate ich ausser mir, bin nicht bei mir. Und wenn ich nicht bei mir bin, kann ich auch nur bedingt bei anderen sein. Das heisst nicht, dass wir Kinder bleiben sollten. Aber wir sollten uns etwas von dem bewahren, was wir als Kinder gelebt haben: die Freude am Spielen, die Selbstvergessenheit, das Staunen. Wenn ein Kind eine Giraffe sieht, dann staunt es: Dass es so etwas gibt! Das Staunen kommt uns aus verschiedenen Gründen abhanden.”



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