07.08.2003

BLOBEL GÜNTER, Nobelpreisträger/August 2003

Der Traum des Managers, nach einem arbeitsamen Leben auf die einsame Insel zu gehen, ist eine Illusion. Er würde eingehen. Denn der Mensch muss sich stets neu erfinden – ein Leben lang. Das schreiben ihm seine Zellen vor, besonders die im Gehirn, in welchen die Entscheidungen getroffen werden, die durch die Einflüsse unserer Sinnessysteme und der bisher gespeicherten Erfahrungen gesteuert werden. Nobelpreisträger Günter Blobel von der Rockefeller University in New York sagt im Gespräch mit "persönlich”, was es mit der menschlichen Energie, dem Charisma und der Firma als Organismus auf sich hat. Interview: Oliver Prange, Fotos: Marc Wetli

Sie sind Professor für Zell-Biologie an der Rockefeller University in New York und erhielten 1999 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin. Welches Geheimnis des Lebens haben Sie gelüftet?

“Die Einheit allen Lebens ist die Zelle. Jede Zelle enthält Millionen von Proteinen. Proteine fungieren als Katalysatoren. Um das zu tun, müssen sie an die richtigen Adressen innerhalb der Zelle verteilt werden. Dabei müssen sie eine oder mehrere bestimmter zellulärer Membranen durchqueren oder asymmetrisch in sie hineingewoben werden. Doch man wusste damals noch nicht, wie das geschieht. Ich hatte die Idee, dass das so ähnlich sein könnte wie bei der Post – da gibt es sehr viele Briefe, die verschickt werden müssen, mithilfe der Postleitzahlen. Vielleicht gab es ja auch eingebaute ‘Postleitzahlen’ für Proteine und entsprechende Systeme, die diese Postleitzahlen dekodieren und den Transport zur richtigen Adresse bewerkstelligen. Diese Idee hat sich als richtig herausgestellt.”

Wofür sind Ihre Erkenntnisse zur Grundlage geworden?

“Es stellte sich heraus, dass diese Postleitzahlen und auch die Systeme, die diese Postleitzahlen dekodieren und den Transport von Proteinen erlauben, während der Evolution in Zellen von allen Lebewesen (Bakterien, Pflanzen, Tieren, Menschen) konserviert wurden. Wir verstehen jetzt besser, wie sich Zellen in Zellkompartimente und ihre abgrenzenden Membranen organisieren. Und wie Zellen bestimmte Proteine, seien es Hormone, wie Insulin, oder Verdauungsenzyme, wie Trypsin, oder Antikörper oder andere Proteine aus der Zelle herausschleusen. Von der praktischen Anwendung her gesehen sind unsere Erkenntnise wichtig für die Produktion von Proteinen für medizinische Zwecke. Viele dieser Proteine (etwa ein Zehn-Milliarden-Dollar-Markt und weiter wachsend) werden zur einfacheren Aufreinigung mit den Prinzipien, die wir beschrieben haben, aus den produzierenden Zellen herausgeschleust. Und von der Medizin her gesehen, wenn ein Protein nicht an die richtige Adresse gelangt, kann es seine Funktion nicht ausüben, ja sogar schädliche Folgen haben, ähnlich wie ein Liebesbrief, der an die falsche Adresse gesandt wurde. Fehler in der Adressierung von Proteinen sind nicht selten und können zu gravierenden Krankheiten führen.”

Können Sie in einem Satz beschreiben, was Leben ist?

“Leben ist das, was Sie daraus machen.”



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