06.10.2017

Journalisten im Web 2017

Wie Journalisten Twitter und Facebook nutzen

Ein Hilfsmittel für Recherchearbeit und ein Tool für Eigen-PR: 21 Medienschaffende geben in einem aktuellen Bericht Auskunft über ihre Arbeit mit Social Media. Daraus ziehen die Studienautoren auch Schlüsse für Kommunikationsabteilungen.
von Michèle Widmer

Soziale Medien beeinflussen zunehmend die Arbeitsweise von Schweizer Journalisten. Mit qualitativen Interviews haben das Institut für Angewandte Medienwissenschaft IAM der ZHAW und Bernet PR untersucht, wie Schweizer Medienschaffende das Social Web nutzen – und zwar in den Bereichen Recherche, Publizieren und im Austausch mit der Community.

Für die Studie «Journalisten im Web 2017» haben 21 ausgewählte Journalistinnen und Journalisten aus unterschiedlichen Medientypen und mit unterschiedlichen journalistischen Rollen zwischen Herbst 2016 und Frühjahr 2017 von ihrem Umgang mit Social Media berichtet. Darunter sind zum Beispiel NZZ-Medienredaktor Rainer Stadler, die SRF-Moderatoren Jonas Projer und Sandro Brotz, die Journalistin und Bloggerin Andrea Jansen, Investigativjournalist Kurt Pelda vom «Tages-Anzeiger», Melanie Borter, Chefredaktorin des Magazins «Grosseltern», Telezüri-Videojournalist Nico Nabholz oder Simon Moser, Morgenshow-Host von Radio Energy Bern.

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Bewusstsein für Verzerrungen

Die Gespräche zeigen, dass das journalistische Handwerk nicht komplett neu erfunden wird, die Sozialen Medien im Redaktionsalltag aber immer mehr Raum einnehmen. Die Möglichkeiten zur Recherche, zur Publikumserweiterung und zum Dialog mit Rezipienten würden aber immer stärker genutzt, schreiben die Autoren.

Die meisten der Befragten äussern sich aber ambivalent zum Thema. So sei Social Media ein «Kuchen der immer gleichen Leute», wie eine Befragter sagt. Die Sozialen Netzwerke seien weniger ein Dorfplatz, sondern eher ein Branchenapéro. «Die Medienschaffenden schätzen den schnellen Zugang zu Informationen und die Rückmeldung aus dem Publikum. Zugleich sind sie sich den Limiten und Verzerrungen in den Sozialen Medien bewusst», sagt Guido Keel, wissenschaftlicher Studienleiter/IAM ZHAW.

Inspirationsquelle und Kontaktmöglichkeit

Was die Plattformen betrifft, sind es vor allem Twitter und Facebook, die am häufigsten genannt werden. Allerdings scheint Twitter für Journalisten in der Schweiz eine sehr viel grössere Bedeutung zu haben als Facebook. Letzteres wird, wenn überhaupt, für die weitergehende Recherche verwendet – um Bilder und auch Kontakte oder Netzwerke zu finden. Instagram, Xing oder LinkedIn werden selten genannt und hauptsächlich für die Kontaktpflege genutzt.

Alle befragten Journalistinnen und Journalisten nutzen die Sozialen Medien zur Recherche. Zentral ist das Social-Media-Monitoring als Startpunkt für die Themenfindung. Bei den meisten sei das Checken des Twitter-Accounts tägliche Arbeitsroutine, manchmal sogar die erste am Tag, heisst es in der Studie. Weiter nutzen insbesondere jüngere Medienschaffende ihre Social-Media-Kanäle für die Suche nach Experten oder Augenzeugen – und kontaktieren diese auch darüber.

Die Glaubwürdigkeit dieser Kanäle wird laut den Studienautoren allerdings kritisch beurteilt. Es gilt: Informationen müssen von einer zweiten, unabhängigen Quelle, und zwar von ausserhalb der Sozialen Medien, bestätigt werden.

Eigen-PR und neue Anforderungen

Medienschaffende nutzen ihre Social-Media-Profile als PR-Instrument. Auf diesen zusätzlichen Kanälen teilen sie Artikel und Beiträge und machen sie so einem breiteren Publikum zugänglich. Auffällig: Auf den meisten Redaktionen gibt es keine verbindlichen Richtlinien zur Publikation von Artikeln.

Die Befragten vermuten, dass die neuen Möglichkeiten mit Erwartungshaltungen beim Publikum einhergehen. So erwarten Rezipienten beispielsweise auch von Radios und Printmedien immer mehr Bewegtbilder via deren Online-Kanäle. Gleich zwei Vertreter von Privatradios beschreiben, dass Radio zwar die Hauptplattform bleibe, jedoch die Verschiebung hin zu Social Media stattfinde.

Politik schwierig zu vermitteln

Die Möglichkeit, bei Onlinemedien mehr über das Nutzungsverhalten des Publikums zu erfahren, schätzen die befragten Medienschaffenden besonders. Auch die Rückmeldungen aus dem Publikum stellen für sie einen Mehrwert dar. Immer mehr Medien suchen denn auch den Dialog mit dem Publik aktiv.

Mit einer Einschätzung, welche Themen beim Publikum grundsätzlich für die grösste Resonanz sorgen, tun sich die Medienschaffenden aber schwer. Nur in einem Punkt sind sich die Befragten einig: Politik lässt sich auf den Sozialen Medien nur schwer vermitteln.

Ergebnisse für PR-Leute

PR-Schaffende und Journalisten profitieren gegenseitig von den direkten, unkomplizierten Kontaktmöglichkeiten, die Social Media bieten. Journalisten profitieren von Bild-, Ton- oder Filmmaterial von Social-Media-Plattformen. Entsprechend können sich Organisationen mit interaktiven und multimedialen Angeboten von der Konkurrenz abheben – vorausgesetzt die Qualität stimmt.

Die Sinnhaftigkeit von Social-Media-Massnahmen für Organisatoren wird wegen der benötigten Ressourcen immer wieder in Zweifel gezogen. Jedoch schaffe die Offenheit von Medienschaffenden, wie sie die Studie aufzeige, zusätzliche Argumente für starke Auftritte im Social Web, so die Meinung der Autoren. Wer hier nicht präsent sei, werde nicht wahrgenommen.

In den Netzwerken würden auch vermehrt Softthemen wahrgenommen: Jubiläen, Corporate Social Responsibility, technische Details – vieles davon kaum ein Communiqué wert, aber nahe am Menschen und damit ein potenzieller Anstosse für eine journalistische Recherche.

«Die Onlinemedienarbeit wird für Organisationen zum wichtigen Treiber für das Social-Media-Engagement. Die Medienschaffenden als wichtiges Onlinepublikum müssen beim Themen- und Dialogmanagement berücksichtigt werden», sagt Dominik Allemann, Co-Herausgeber bei Bernet PR. Für breite Relevanz und Aufmerksamkeit bleiben die klassischen Medien wichtig. Auf den eigenen Social-Media-Kanälen stellen Journalisten und Organisationen gleichermassen ihre Arbeit und Themenvielfalt dar.


Die vollständige Studie «Journalisten im Web 2017», welche in Zusammenarbeit des IAM der ZHAW und Bernet PR erarbeitet wurde, kann hier kostenpflichtig bestellt werden.



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