12.04.2018

Facebook in der Schweiz

PR-Roadshow lockt 50 Journalisten an

Zum ersten Mal hat das soziale Netzwerk in der Schweiz zu einer Art Meet and Greet geladen. Die Medienschaffenden folgten der Einladung in Scharen. Vier von ihnen sagen, wie sie den Auftritt Facebooks einschätzen und was sie vom Datenskandal halten.
Facebook in der Schweiz: PR-Roadshow lockt 50 Journalisten an
Ob Oculus, News Feed, Gruppen, Umfragen oder Instagram – an verschiedenen Ständen gab es Informationen über die Produkte und Tools von Facebook. (Bilder: Christian Beck)
von Redaktion persoenlich.com

«Das hätte niemals passieren dürfen», sagte Martin gleich zu Beginn der Facebook-Veranstaltung «A Place To Come Together». Martin heisst mit vollem Namen Martin Ott, er ist Managing Director Zentraleuropa bei Facebook. Bei Facebook wird – wie bei den Silicon-Valley-Firmen üblich – die Du-Kultur gelebt, und das war am Mittwoch beim Event in der alten Cigarettenfabrik in Zürich deutlich zu spüren.

Rund 50 Journalistinnen und Journalisten folgten der Einladung des grössten sozialen Netzwerks. Die Einladung wurde notabene verschickt, noch bevor der Datenskandal ins Rollen kam. Und die meisten Anmeldungen seien auch bereits Anfang März eingegangen, sagte eine Sprecherin gegenüber persoenlich.com. Nur die Interviewanfragen hätten seit Bekanntwerden des Datenskandals sprunghaft zugenommen. Deshalb stand das Kommunikationsteam plötzlich vor der Frage: Alle oder keine. Der Entscheid: Keine Einzelinterviews. «Den Event haben wir schon lange geplant und er hat keinen Zusammenhang mit den aktuellen Entwicklungen», erklärte Klaus Gorny, DACH-Kommunikationschef bei Facebook. Man solle doch bitte Zitate aus der Begrüssungsrede verwenden.

«‹Mea culpa› war zu erwarten»

In dieser Begrüssungsrede nahm Ott – oder eben Martin – kurz Stellung zum Datenskandal, entschuldigte sich im Namen von Facebook, wie es sein oberster Chef Mark Zuckerberg am Vortag vor dem US-Senat auch schon gemacht hatte (persoenlich.com berichtete). Ott sprach von «restlos aufklären» und «Leute informieren», Facebook wolle nun «Transparenz schaffen» und «das Vertrauen wiedergewinnen». Dieses grosse «Mea culpa» sei zu erwarten gewesen, aber auch, dass es keine Fakten gebe, die man nicht schon gewusst hätte, sagt «Blick»-Wirtschaftsredaktor Konrad Staehelin im persoenlich.com-Videointerview (ungekürzte Version siehe unten). Dem stimmt Franziska Kohler, stv. Wirtschaftschefin «SonntagsZeitung», ebenfalls zu: «Und genau das ist das Problem. Man weiss nun gar nicht, was sich ändern wird.»

In der hippen Industrial-Chic-Location an der Sihl folgte nun, wofür der Anlass eigentlich gedacht war. Die Produkte und Funktionen von Facebook wurden vorgestellt, Mitarbeiter standen für entsprechende Fragen zur Verfügung. «Wir möchten in die Städte gehen, mit den Leuten sprechen, unser Gesicht zeigen und auch Gesichter sehen. Kurz: Es geht um das gegenseitige Kennenlernen, um so künftige Kontaktaufnahmen zu vereinfachen», so Pressesprecher Gorny zu persoenlich.com. Facebook hat in der Schweiz kein Büro, betreut Kunden und Medien von Hamburg und Dublin aus. «Das Kommunikationsteam ist mittlerweile grösser geworden, so haben wir nun auch die Kapazitäten, um solche Events organisieren zu können.» Gorny hofft, dass dieser Event – der zuvor auch schon in Wien und Brüssel durchgeführt wurde und nun weiter nach Amsterdam reist – der Anfang einer stärkeren Präsenz in der Schweiz sei.

Im Anschluss – noch vor dem gemeinsamen Mittagessen – folgten diverse Vorträge zu News Feed oder Instagram. Die Reihen lichteten sich allmählich. Den letzten Vortrag verfolgten noch gut 20 Journalisten. Möglich, dass es nun tatsächlich zu technisch wurde und vor allem noch Journalisten interessierte, die von Berufes wegen hauptsächlich mit Social Media zu tun haben. So wie Felix Unholz, Lead Editor Online und Social Media bei der Energy-Gruppe. Er bilanziert: «Der Beginn der Veranstaltung war reine PR, in den Vorträgen habe ich vor allem über Instagram auch neue und interessante Sachen erfahren.»

Kommunikation ist «Pflästerlipolitik»

Auch Reza Rafi, stv. Chefredaktor «SonntagsBlick», war «einer von denen, die zu dieser PR-Show» eingeladen wurde. Die Kommunikation zum Datenskandal bezeichnet Rafi als «Pflästerlipolitik». «Hier wurde der Gang nach Canossa vollzogen. Viel mehr Möglichkeiten gibt es ja gar nicht», so Rafi. Transparenz schaffen wolle Facebook nicht, Daten sammeln sei schliesslich das Businessmodell. «Langfristig sehe ich schwarz für Facebook.»

Nach Ansicht von Staehelin vom «Blick» brauche es nun härtere politische Regulierungen. Nur: «Ich habe den Eindruck, dass sich die Nutzer gar nicht dafür interessieren.» Und wohl deshalb seien auch die Wenigsten dem Aufruf #DeleteFacebook gefolgt. «Ich kann mich wenigstens mit dem Argument herausreden, dass ich als Journalist Facebook für meine tägliche Arbeit brauche», so Staehelin mit einem Lachen.

(Autoren: Michèle Widmer und Christian Beck)



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