28.06.2018

Webrepublic

«Bei uns arbeiten Mathematiker und Physiker»

Kein Luxus, sondern kreative Lösungen: Webrepublic-Chef Tom Hanan zeigt persoenlich.com die neuen Büros in Zürich-Enge. Dabei spricht er über die Verleihung des «World Entrepreneur Of The Year». Etwas hat ihn in Monaco besonders gefreut: Den Brief vom Bundesrat.
Webrepublic: «Bei uns arbeiten Mathematiker und Physiker»
Tom Hanan, Gründer und Chef der Webrepublic, an seinem neuen Arbeitsplatz. Er hat die Schweiz dieses Jahr in Monaco am «Enterpreneur of the Year» vertreten. (Bild: zVg.)
von Edith Hollenstein

Herr Hanan, von drei auf über 150 Mitarbeiter innert acht Jahren und nun dieses neue, grosse Büro an bester Lage in Zürich: Bereitet Ihnen das alles keine schlaflosen Nächte?
Nein, denn wir wachsen organisch. Natürlich müssen wir am Ball bleiben und beobachten, welche Innovationen auf uns zukommen. Aber dadurch, dass wir komplett eigenfinanziert sind, ist unser Wachstum nachhaltig und gesund – und widerspiegelt in erster Linie die Bedürfnisse unserer Kunden.

Mit der Grösse steigt jedoch die Verantwortung für die Mitarbeiter.
Ja klar, daher haben hier am neuen Standort auch keine Luxusbüros eröffnet. Zwar sind die Lage und die Infrastruktur sehr gut, doch wir haben keine teuren Designermöbel im Haus. Wir haben eine Lösung gesucht, die unserer DNA entspricht: Wir wollen nicht protzen, sondern kreativ sein – kostspielige Lösungen kann jeder realisieren, kreative nicht. Uns ist es wichtig, dass unsere Mitarbeiter in einem Umfeld arbeiten, in dem unkonventionelle Ideen entstehen; daher spielen die verschiedenen Begegnungszonen eine zentrale Rolle. Denn hier verabreden sich Mitarbeiter zu Brainstormings oder begegnen sich zufällig. Unsere informelle Atmosphäre begünstigt die Entstehung neuer, unkonventioneller Ideen und stärkt den Teamgeist.

Ihre Firma ist mittlerweile die grösste Agentur für digitales Marketing der Schweiz. Wie viel Umsatz machen Sie im Jahr?
Wir haben im Jahr 2017 rund 17 Millionen umgesetzt, Mediaspend ausgenommen.

Durch den neuen Standort in Zürich-Enge sind Sie vor allem näher bei Google. Wie nahe steht Webrepublic dem Internetriesen?
Wir haben eine Location im Zentrum von Zürich gesucht, die wir entsprechend unseren Vorstellungen ausbauen können. Da war es purer Zufall, dass wir nun räumlich näher bei Google sind. Dabei ist es schon so: Wir sind ein wichtiger Kunde von Google. Doch wir müssen der Firma auch kritisch gegenüberstehen. Das heisst, wir sind nicht verheiratet, aber wir sind wichtige Partner, denn aus der digitalen Kommunikationswelt ist Google schlicht und einfach nicht wegzudenken.

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Webrepublic verkauft Adwords, SEO oder programmatische Werbung über DoubleClick. Zu welchem Anteil ist Ihr Geschäftsmodell von Google abhängig?
Das ist schwierig auszudrücken. Denn Webrepublic bietet heute nicht mehr nur AdWords wie in unserer Anfangszeit. Wir decken eigentlich alle relevanten Disziplinen im Digitalmarketing ab – und das in zwölf Muttersprachen am Standort Zürich. Dazu gehören auch Dienstleistungen wie Kreation, Konzeptarbeit, Engineering, Datenanalyse oder Strategieberatung.

Wie viel macht das «klassische Mediabusiness» im Vergleich zu diesen anderen Bereichen aus?
Eine Aufteilung in diese drei Bereiche machen wir in unserer Buchhaltung nicht. Aber ich kann sagen, dass «Media» derzeit ungefähr 60 Prozent ausmacht. Davon entfällt der Hauptteil auf Google – nota bene, wir sprechen nicht nur von Adwords, sondern auch Display und Video Ads, die wir programmatisch ausspielen. Aber wie gesagt, das Ganze ist schwierig auseinander zu halten. Wenn wir etwa eine Buchung bei einem Publisher wie 20minuten.ch machen, kann diese über einen Adserver von Doubleclick eingebucht werden, die bekanntlich eine Tochter von Google ist.

Die Google-Abhängigkeit ist also kein Klumpen-Risiko.
Nein, unser Business ist nicht abhängig davon, wieviel Mediaspend ein Kunde bei Google investiert.

Sie waren Anfang Juni in Monaco an der Verleihung des internationalen «EY World Entrepreneur Of The Year 2018». Was bringt ein solcher Award?
Dass wir von den 10'000 Einreichungen weltweit am Schluss unter den letzten 50 waren, die in die Endausscheidung kamen, ist natürlich eine grosse Ehre. In Monaco durfte ich die Schweiz repräsentieren. Was mir dabei ganz schön geschmeichelt hat, war ein Glückwunschschreiben von Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Auf meinem Hotelzimmer fand ich einen handsignierten Brief von ihm. Die Tatsache, dass es eine Kommunikationsagentur geschafft hat, die Schweiz bei dieser «Unternehmer-Olympiade» zu repräsentieren, ist einmalig. Das spricht doch für die Innovationskraft der Schweiz, auch im Bereich der Kommunikation – und für die grossartige Arbeit, die mein Team leistet.

«Die Arbeit im Marketing wird immer wissenschaftlicher»

Nach der Preisverleihung in der Schweiz sagten Sie, sie wollten den «scientific turn» im Marketing erfolgreich meistern (persoenlich.com berichtete). Was meinen sie damit?
Die Arbeit im Marketing wird immer wissenschaftlicher. Das heisst, der klassische Marketer, der sich mit der digitalen Kommunikation auseinander setzt, muss auch mit Daten umgehen können. Er muss Hypothesen aufstellen, Experimente durchführen und seine Hypothesen an den Resultaten messen. Anders gesagt, er muss mit wissenschaftlicher Denkweise vertraut sein, um erfolgreich zu sein.

Was bedeutet das ganz konkret für ihre Agentur?
Bei uns bringt jeder Mitarbeiter diesen wissenschaftlichen Mind-Set mit. Für besonders komplexe Fragen haben wir ein hochkarätiges Analytics-Team im Hause. Da arbeiten neben Wirtschaftswissenschaftern auch Mathematiker und Physiker. Diese Experten erstellen zum Beispiel mathematische Modelle, anhand derer wir den Erfolg von Kampagnen mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersehen und quasi im Voraus optimieren können.

Mitte Mai ist die neue Datenschutzgrundverordung in Kraft getreten. Hat Webrepublic gewisse Produkte streichen müssen?
Nein. Wir sind sehr gut aufgestellt diesbezüglich und arbeiten schon lange mit hohen Standards, sodass uns das Inkrafttreten nicht so stark beschäftigt hat. Dazu kommt, dass wir selber keine personenbezogenen Daten besitzen, sondern im Auftrag unserer Kunden mit deren Performancedaten arbeiten. Somit hatte die DSGVO keine Auswirkungen auf uns, ausser, dass gewisse administrative Prozesse etwas aufwändiger geworden sind.

«Ein Internet ohne Werbung ist unrealistisch»

Wenn nun bald auch noch die E-Privacy-Verordnung gilt, könnte das das Ende der Cookie-basierten Werbung zur Folge haben. Das müsste doch eine Bedrohung sein für Sie?
(Pause) Sagen wir es so: Der Markt entwickelt sich rasant, da ergeben gewisse Regulierungen sicher Sinn. Aber wenn sich die Politik ein Internet ohne Werbung wünscht, dann ist das unrealistisch. Irgendwie müssen die Informationsangebote, so wie wir sie heute kennen, ja finanziert werden. Wichtig ist es, die richtige Balance zwischen Regulierung und unternehmerischer Freiheit zu finden.

Wenn ich Sie so sprechen höre, merke ich: Sie nehmen das gelassen. Die Tech-Branche ist also eh schon zwei oder drei Schritte weiter.
Ich nehme diese Regeln sehr ernst. Aber ich glaube, dass wir als Digitalmarketing-Agentur in diesem Zusammenhang in einer einfacheren Position sind als die grossen Konzerne, wie Google, Amazon oder Facebook.

Und wohin wird Webrepublic in den nächsten Jahren steuern?
Je länger je mehr treten wir auch gegen internationale Player an. Unsere Konkurrenten sind dann die globalen Agenturnetzwerke. Unsere Vorteile in diesem Kontext sind unsere Agilität, grosses Digital- und Programmatic-Know-how sowie die sehr gut etablierte Innovationskultur. Zudem begreifen wir das Internet nicht nur als Kommunikationswerkzeug, sondern verstehen es als Instrument von zentraler strategischer Bedeutung für den unternehmerischen Erfolg unserer Kunden.



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