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Wie viele Tattoos erträgt das Land?

Matthias Ackeret

Positiv ausgedrückt: «Glanz & Gloria»-Gastmoderatorin Bettina Bestgen schaffte in den vergangenen Tagen etwas, von dem alle Moderatoren träumen: Sie wurde berühmt. Dank ihren Tattoos und der Kolumne von persoenlich.com-Fernsehkritiker René Hildbrand hatte sie in den letzten Tagen die publizistische Lufthoheit. Zweimal Titelstory auf «20 Minuten» und «Blick am Abend», unzählige Online-, Radio- und TV-Berichte, Solidaritätsaktionen von Berufskollegen und einem Bundesrat, der ihr neu auf Twitter folgt. Mehr geht fast nicht. Die «Härte» von Hildbrands Kritik wurde durch eine fast schon grenzenlose Solidaritätsaktion aufgewogen. Die berühmte schweigende Mehrheit, die im Stillen Hildbrand zustimmte, wollte nicht als altbacken gelten und schwieg wirklich. Oder zumindest am Anfang.

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Als Verleger von «persönlich» wurde ich in den letzten Tagen einige Male gefragt, ob man diese Kolumne hätte zensieren müssen. Die Antwort ist ganz klar: Nein. Die ganze Diskussion zeigt doch, dass Hildbrand, als einer der profiliertesten und langjährigsten TV-Kritiker des Landes, mit seiner Beanstandung einen wunden Punkt getroffen hat. Wieviel Tattoos verträgt das Land? Die Debatte beweist: Andere Zeiten, andere Sitten. Früher – aber das ist mittlerweile über 20 Jahre her – herrschte bei solchen Auftritten sogar Krawattenpflicht. Für Journalisten.  

Und trotzdem: Erst vor einigen Monaten wurde eine NZZ-Journalistin von der Pressetribüne des Ständerats verwiesen, weil sie ein ärmelloses Kleid trug.

Schliesslich beanstandete Hildbrand in seiner pointierten Art lediglich, dass die TV-Moderatorin mit ihren unverhüllten, tätowierten Armen Bundesrat Berset interviewt habe. Eine solche Frage von einem TV-Kritiker sollte erlaubt sein, ohne dass gerade ein ganzes Land in Ausnahmezustand verfällt. Der Fragende muss aber auch – und das hat René Hildbrand «hautnah» erlebt – Gegenreaktionen ertragen können, auch wenn diese zuweilen unter die Gürtellinie gehen. Stichwort: Der alte Mann und die Tattoos. 

Wir von persoenlich.com waren – wie René Hildbrand selber – von der Leidenschaft, mit welcher die Diskussion ausgetragen wurde, überrascht. Es zeigt dreierlei: Zum einen besteht wirklich immer noch ein Bedürfnis nach TV-Kolumnen, zum zweiten ist die Frage «Tattoo oder nicht» hochemotional und drittens kann man die emotionalsten Themen nicht wirklich steuern. Trotz ausgeklügelter Strategien und hochbezahlten Kommunikationsprofis.

Höchstwahrscheinlich ist der internationale Youtube-Werbeboykott oder die No-Billag-Initiative für unsere Branche wichtiger und auch nachhaltiger als ein ärmelloses Kleid einer «Glanz & Gloria»-Moderatorin. Uns freute aber die Tatsache, dass persoenlich.com auch eine geeignete Plattform für solche Debatten darstellt. Und zwar für alle Seiten. Wir bemühen uns in der täglichen Arbeit immer um höchstmögliche Fairness und lassen verschiedene Stimmen zu Wort kommen.

 

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Kommentare

  • Uelli Custer, 30.03.2017 09:16 Uhr
    Was mich an der ganzen "Affäre" nachdenklich stimmt: Ausgerechnet ein derart unwichtiges Thema beschert einem gestanden Journalisten nach seinen eigenen Worten die grösste Feedback-Lawine seiner ganzen Berufslaufbahn. Da frage ich mich schon, ob in unserer Gesellschaft nicht einige Parameter gewaltig verrutscht sind.
  • aktivistin.ch, 01.04.2017 10:49 Uhr
    Lieber Herr Ackeret. Es geht hier nicht um die Frage «Tattoo oder nicht». Worums wirklich geht, können sie hier lesen: http://www.aktivistin.ch/news/2017/4/1/der-alte-mann-und-das-tattoo

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