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Verpuffte Energie

Stefan Millius

Dass gut gemeint nicht immer gut ist, durften wir in den vergangenen Wochen jeden Freitag erfahren. Dann wurde auf «20 Minuten» jeweils eine neue Folge der Soap «Eine z’viel!» aufgeschaltet. Die Minisendung dreht sich um eine WG mit jungen Menschen und ihre zwischenmenschlichen Probleme. Auftraggeber ist «Energie Schweiz», als Partner an Bord sind unter anderem Raiffeisen und Swisscom. Da muss also viel Geld im Spiel sein. Kohle ersetzt aber leider keine zündende Idee. Das hat «Eine z’viel!» von der ersten bis zur letzten Folge ziemlich drastisch bewiesen.

Die Kurzclips sollen ein eher junges Publikum in den Bann ziehen, das sich nach jeder Folge in einer als «Auflösung» bezeichneten kurzen Fortsetzung über Energiethemen informieren kann. Die Auflösung ist nicht zu verwechseln mit dem Ende eines Hitchock-Thrillers, sie entspricht eher dem Faltblatt eines Geräteherstellers. Konkret sieht das so aus, dass sich ein Protagonist in einer Folge Mühe gibt, einen Mehrgänger zu kochen, und in Schritt 2 wird uns dann erklärt, was es mit den Energie-Effizienzklassen bei Abwaschmaschinen auf sich hat. A+ ist besser als A, übrigens. 

Die Frage ist nur, ob es überhaupt irgendjemand bis zu dieser wertvollen Information schafft. Denn die WG-Soap ist gelinde gesagt bemüht, undiplomatisch gesagt am Rand der Peinlichkeit. Die Jungschauspieler tun ihr Bestes, aber sie können ja auch nur das umsetzen, was man ihnen ins Drehbuch schreibt. Für dieses verantwortlich ist gemäss Angaben «Commercial Publishing Tamedia», und da liegt wohl auch das Problem. Da waren ganz offensichtlich Leute am Werk, die wissen, wie man einem Kunden ein Konzept verkauft, aber nicht, wie man das Publikum unterhält. Hölzerne Dialoge, vorhersehbare Wendungen (dieser Begriff ist bereits eine Ehre) und eine insgesamt an die 80er-Jahre erinnernde Umsetzung in Bild und Schnitt verhindern in der Kombination, dass man der nächsten Folge entgegenfiebert. Wobei heute Fremdschämen eine beliebte Disziplin ist.

Nun hat «20 Minuten» ja ohnehin ein unglückliches Händchen in Sachen bewegte Bilder. Man erinnere sich an «Swissmix» mit Bendrit und Co., das mit Sicherheit nicht ganz billig war, aber höchstens bei einer kleinen Gruppe von absolut anspruchslosen 13-Jährigen einen minimalen viralen Effekt auslösen konnte. Im neuen Fall war aber noch ein Kunde an Bord, sekundiert von einer Reihe von finanzstarken Partnern. Und sie alle waren offenbar überzeugt, dass die WG-Soap das Publikum in den Bann zieht und die gewünschte Wirkung entfaltet. Wenn man das wirklich glaubt, so läuft das schon fast in der Kategorie «Wahrnehmungsstörungen».

Vermutlich wird «Energie Schweiz» von der Tamedia zum Ende der Kampagne eine tolle Klickrate als Erfolgsnachweis geliefert bekommen. Aber ich gehe davon aus, dass ein grosser Teil der Klicks von Leuten stammt, die nur jeden Freitag herausfinden wollen, ob es allenfalls sogar noch schlechter geht als in der Vorwoche. Aber Hauptsache, wir kennen nun alle A+.

 

Stefan Millius ist geschäftsführender Partner der Kommunikationsagentur insomnia GmbH in St.Gallen.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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