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Vaterschaftsurlaub für die Frauen

Edith Hollenstein

Damit es Frauen mit Kindern möglich ist, in einem Pensum von 80 bis 100 Prozent zu arbeiten, brauchen sie die Unterstützung ihrer Männer. Daher ist das überarbeitete Familien-Reglement der NZZ ein wegweisender Schritt und ein starkes Signal. Adressiert werden nämlich die Väter. Sie haben zwei Wochen Vaterschaftsurlaub und können innerhalb der ersten zwei Lebensjahre des Kindes einen unbezahlten Urlaub von maximal sechs Monaten zu beziehen. Hinzu kommen flexiblere Arbeitszeitmodelle; also Teilzeitanstellungen oder Jobsharing – auch auf Kaderstufe. Kommt das Kind in den Kindergarten oder in die Schule, kann ein Mehrurlaub durch Lohnverzicht von bis zu 13 Ferientagen bezogen werden (persoenlich.com berichtete)

Mindestens ebenso wichtig wie das Reglement ist ein anderer Punkt: Die Situation von Eltern allen Mitarbeitenden zu erklären, also nicht nur denjenigen, die kleine Kinder haben oder bald welche haben werden. So wie es die NZZ getan hat; in einer Art Road Show durch Zürich, St. Gallen und Luzern. Wenn Arbeitskollegen von ihren persönlichen Erfahrungen berichten, wird nämlich deutlich, auf welche Schwierigkeiten und Chancen man sich einstellen muss. Zudem zwingt es die Chefs zu einem Umdenken dahingehend, dass Anwesenheit nicht unbedingt Effizienz bedeutet. Noch immer gilt vielerorts: Vorwärts kommen diejenigen, die am längsten im Büro bleiben – auch wenn sie vielleicht nicht unweigerlich die Besten sind. Auch wird deutlich, dass die extrem anstrengenden Phasen im Familienleben vor dem Hintergrund eines ganzen, über 40 Jahre dauernden Erwerbslebens, gar nicht so lange dauern.

Derzeit ist vieles im Tun: Auch in Industrien, wo oft lange und in den späten Abend hinein dauernde Arbeitszeiten sowie stark schwankendes Arbeitsvolumen gang und gäbe sind, findet ein Bewusstseinswechsel statt. «Es ist eigentlich hauptsächlich eine Frage der guten Organisation und wir glauben, der Aufwand zahlt sich auf jeden Fall aus. Denn wir wollen die besten Mitarbeiter gewinnen und diese langfristig im Team halten können», sagt Tobias Zehner von Webrepublic. Seine Agentur kann sich nicht über zu wenig Erfolg beklagen. Sie wurde Mitte Februar in Zürich als «Digital Agentur of the Year 2017» ausgezeichnet.

Von solchen Entwicklungen profitieren alle. Vor allem auch die Frauen. Frauenförderung im Journalismus war vor vier Jahren ein brennendes Thema. Damals wollte der «Tages-Anzeiger» den Frauenanteil in Führungsfunktionen auf 30 Prozent erhöhen. Auch wenn das Ziel der sogenannten Stauffacher Deklaration nicht besonders ambitioniert schein: Es wurde bei Weitem nicht erreicht. Auf Kaderstufe beträgt der Frauenanteil über Tagi, SoZ und Magazin hinweg gesehen nur gerade 17 Prozent (Stand: Sommer 2016). Ratlos konstatierte der damalige Chefredaktor Res Strehle in einem Interview von 2015, dass es den Frauen an Erfahrung fehle. «Meist gibt es nachvollziehbare Gründe, die bei einer Stellenbesetzung für den Mann sprechen. Ein Mann erfüllt zum Beispiel das Profil etwas genauer als die Bewerberin», sagte Strehle.

Die mangelnde Erfahrung ist tatsächlich ein Problem. Sie rührt vor allem daher, dass es oft die Frauen sind, die längere Pausen einlegen und ihr Pensum reduzieren, wenn ein Kind zur Welt kommt. Laut einer Studie der Boston Consulting Group sind in der Schweiz heute geschätzte 50’000 Akademikerinnen nach der Geburt eines Kindes hauptberuflich als Hausfrau tätig.

Dadurch, dass sich das neue NZZ-Familien-Reglement explizit an Männer richtet, verbessert sich die Lage der Frauen. Wenn nämlich Männer Jobsharing oder Teilzeit tatsächlich nutzen, wird sich das Missverhältnis ausgleichen. Massnahmen wie diese der NZZ helfen, dass es in einigen Jahren weniger Chefredaktoren geben dürfte, die sich über die «mangelnde Erfahrung» der Frauen beklagen.

 

 

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