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Unnamed sources

Roger Schawinski

Reportern der New Yorker Boulevardblätter wurden über Jahre hinweg exklusive Insiderinfos über Donald Trumps Privatleben zugesteckt. Der Informant verwendete mehrere Namen, hinter denen sich nur eine einzige Person versteckte: Donald Trump selbst. Auf diese Weise steuerte und verstärkte er die Berichterstattung über seine Person, an der er sich mehr als an allem anderen labte. So schmückte er etwa sein Büro mit Titelbildern, auf denen sein Kopf prangte. Denn auf nichts anderes war er mehr stolz als auf die erreichte Medienpräsenz.

Täuschungen sind ein integraler Teil seines Systems. Durch nichts verrät er sich dabei mehr als durch seine Ausdrucksweise. So beschwört er seine Zuhörer in jeder Rede mit Formulierungen wie «Believe me» oder «I want to be honest with you». Das sagt nur jemand, der weiss, dass er pausenlos lügt.

Und nun will Präsident Trump die Verwendung von anonymen Quellen («unnamed sources») verhindern. Seine Argumentation ist so krud wie das meiste, was er täglich in Form von Reden oder Tweets absondert. So erklärte er allen Ernstes, dass die «leaks» aus dem Weissen Haus echt seien, aber deren Verwendung in den Medien «fake news». Bizarr! Die grossen Medien, die er zu seinem Entsetzen in Washington nicht mehr so locker manipulieren kann wie früher die Klatschreporter in New York, hasst er deshalb von Tag zu Tag inniger.

Er präsentiert sich zwar als der «glühendste Verteidiger der Meinungsfreiheit» (First Amendment) – aber das ist grotesk. Denn gleichzeitig lässt er Mitarbeiter kritischer Medien von Pressebriefings im Weissen Haus aussperren, was noch kein anderer Präsident getan hat. Dabei hatte sein eigener Pressechef, Sean Spicer, noch im Dezember ein solches Verhalten als Kennzeichen einer Diktatur bezeichnet.

Anonyme Quellen und Whistleblower waren für die wichtigsten Enthüllungen in den USA verantwortlich, etwa die Pentagon­Papers über den Vietnamkrieg und die NSA-­Enthüllung von Edward Snowden. Heute sind sie wichtiger denn je, weil Donald Trump jede Kritik aus den eigenen Reihen verhindern will. So gilt ein einziger negativer Satz über den Herrn im Weissen Haus, der während des Wahlkampfs geäussert wurde, als Grund dafür, jemanden als Mitarbeiter abzulehnen oder auszusortieren. Der Aufruf von Trump, man solle sich doch in Zukunft mit Angabe des eigenen Namens melden, ist deshalb heuchlerisch und unsinnig.

Dabei ist es Donald Trump, der umgekehrt seine wichtigsten Leute verunglimpft. Als Folge der Leaks aus dem Kreis seiner Sicherheitsdienste tweetete er: «Are we living in Nazi­Germany?» In einem solchen Klima der Entfremdung schwoll der Strom der Indiskretionen, den es seit je gegeben hat, folgerichtig auf ein noch nie zuvor erlebtes Mass an.

Aber es ist noch schlimmer: Ein Chef, der dauernd lügt, zwingt seine engsten Mitarbeiter ebenfalls zu Lügen, weil sie ihm nur so ihre unbedingte Loyalität beweisen müssen. So pervertiert man die Integrität von anderen. Und wenn man die Medien verteufelt und sie zuerst zur «Oppositionspartei» (Steve Bannon) und in einer weiteren Steigerung zu «Volksfeinden» (Donald Trump) macht, brechen alle Dämme.

Jetzt müssen die Medien die Herausforderung als vierte Gewalt im Staat annehmen und noch hartnäckiger und seriöser recherchieren als bisher. Demokratische Freiheiten verschwinden meist nicht durch einen sichtbaren Coup, sondern scheibchenweise, wie uns die Beispiele Ungarn und Polen lehren. Natürlich ist die amerikanische Demokratie durch die fast totale Meinungsfreiheit besser gerüstet, um solchen Angriffen zu widerstehen. Aber im Wahlkampf hat Trump angekündigt, dass er gerade dieses First Amendment durch ein neues Gesetz in Bezug auf Persönlichkeitsverletzungen («libel laws») einschränken will. Und beinahe täglich verkündet er ja, dass er alle seine Versprechungen einhalten wolle ...

Deshalb muss der Schutz von Quellen bewahrt werden. Whistleblower und anonyme Informanten sind unerlässlich. Das heisst, ausser in Fällen, wo ein medientrunkener Bauunternehmer diese Informationsform unter Vorspiegelung eines falschen Namens zu eigenen Zwecken pervertiert.

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Kommentare

  • Kurt Bernet, 18.03.2017 23:14 Uhr
    Guten Abend Herr Schawinski Also ich bin auch nicht ein Fan von Trump. Früher Herr Schawinski fast schon von Ihnen, da waren sie ein echter Pionier, einer wie die Schweiz noch viele bräuchte, ja sie haben sehr viel gutes gemacht, unbestritten. Aber irgendwie waren sie mit dem Erfolg oder eben nicht mehr Erfolg hängen geblieben, wovor ich mir hüten würde und auch auf keine Art und weise eine Berechtigung hätte Ihnen deswegen ein Vorwurf zu machen, was mich aber sehr enttäuschte und das muss ich Ihnen einfach schreiben, wie sie sich in der Sendung Arena im Februar mit Herr Projer zusammen gegenüber Herr Ganser verhielten. Da was war sehr Erbärmlich , ja gerade zu hilflos, wie kann man einem Friedensforscher und Historiker der International sehr grosses Ansehen wie auch Erfolge zu verzeichnen hat dermassen versuchen, in die Pfanne zu hauen ???? Sorry Herr Schawiski, Laufen sie doch lieber wieder mal ein Marathon als den Frust auf solch üble Art auszuleben. Mit freundlichen Grüssen Kurt Bernet

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