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Schwarz-Weiss denken führt in die Sackgasse

Christoph Zimmer

Die bereits seit Wochen aufgeheizte Debatte um die No-Billag-Initiative ist in den vergangenen Tagen noch gehässiger geworden. Gegner von «No Billag» sprechen von einem «Anschlag auf die Demokratie» und werfen den privaten Medienhäusern vor, «Volksverblödung» zu betreiben. Befürworter von «No Billag» wiederum beklagen eine «linke Bevormundung» und stellen Vergleiche mit der DDR an.

Die Diskussion um die No-Billag-Initiative wird immer mehr in einem Schwarz-Weiss Denken geführt, in dem es nur noch Gegner oder Befürworter der SRG geben darf, getreu dem Motto: wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Das ist verkehrt und hilft weder der Medienvielfalt in der Schweiz noch dem politischen Klima. Tamedia wird in dieser Diskussion zunehmend als Projektionsfläche missbraucht.

Tagi empfiehlt ein Nein

Fakt ist: Tamedia unterstützt die No-Billag-Initiative weder direkt noch indirekt und hat sich auch noch nie positiv zur Initiative geäussert. Die Medien von Tamedia berichten, wie eine Analyse des unverdächtigen Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft FÖG der Universität Zürich zeigt, neutral bis ausgesprochen kritisch über «No Billag». Der «Tages-Anzeiger» als wichtige publizistische Stimme von Tamedia empfiehlt ein Nein zur Initiative. Tamedia als Herausgeberin hat noch nie eine Abstimmungsempfehlung abgegeben – weil dies mit Blick auf die Unabhängigkeit der Redaktionen heikel wäre. Auch die jüngste Ankündigung der Zusammenarbeit von Goldbach und Tamedia steht in keinem Zusammenhang mit der No-Billag-Debatte, sie ist nicht politisch motiviert, sondern unternehmerisch.

Goldbach vermarktet in der Schweiz nicht nur die TV-Sender der RTL-Gruppe und von ProSiebenSat.1, sondern auch eine grosse Anzahl von privaten Radio- und TV-Sendern, die über das Gebührensplitting direkt oder indirekt von der Billag-Gebühr profitieren. Diese Sender wären im Falle eines Ja zur No-Billag-Initiative gefährdet. Der Leiter Public Affairs von Goldbach und Präsident des Verband Schweizer Privatradios, Jürg Bachmann, setzt sich deshalb auch gegen die No-Billag-Initiative ein. Darauf verweist selbst die SRG in einem Beitrag ihres Mitgliedermagazins.

Tamedia hat kein Szenario für ein Ja zu «No Billag». Wer von einem Ja profitieren würde, ist völlig offen und unvorhersehbar. Sicher ist: Eine Zustimmung zur Initiative würde, zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, enorme Unsicherheit für die Medienbranche mit sich bringen. In den Gesprächen zwischen Tamedia und Goldbach war «No Billag» denn auch kein Thema. Ziel von Tamedia und Goldbach ist es, den Werbekunden umfassende Lösungen anbieten zu können. Das ist natürlich eine kommerzielle Strategie – aber sie hilft nicht zuletzt dem Journalismus bei Tamedia.  

Zeitungen und Zeitschriften profitieren von Goldbach-Allianz

Google, Facebook, Twitter & Co. erzielen in der Schweiz zusammen längst mehr Werbeeinnahmen als Tamedia, Goldbach oder die SRG. Im Wettbewerb mit diesen internationalen Giganten um Werbegelder hat ein Schweizer Medienhaus nur eine Chance, wenn ein ähnlich gutes Angebot bieten kann.

Technologisch werden Google, Facebook, Twitter & Co. noch für lange Zeit die Nase vorne haben. Gemeinsam mit Goldbach und dem Aussenwerbeunternehmen Neo Advertising kann Tamedia aber Werbepakete schnüren, die Google & Co. nicht im Angebot haben – zum Beispiel Plakate und Zeitungsinserate, TV-Werbung und Paid Content, Radio-Spots und digitale Screens. Damit gibt es für Werbekunden eine Alternative mehr – und mehr Geld wird bei Schweizer Medien wie «20 Minuten», dem «Tages-Anzeiger» oder der «BZ Berner Zeitung» bleiben statt ins Silicon Valley oder nach Irland abzufliessen.

Um die Schweizer Medienhäuser im internationalen Wettbewerb zu stärken, wäre eine noch breitere Allianz, eine Branchenlösung für digitale Werbung, am erfolgsversprechenden. Diese Überzeugung vertritt Tamedia wir seit dem ersten Versuch mit dem Premium Publishers Network PPN vor sieben Jahren. Wir sind jederzeit zu Gesprächen über eine solche Branchenlösung bereit, sei es mit den Admeira-Partnern Swisscom und Ringier, mit anderen Medienhäusern oder mit anderen interessierten Unternehmen in der Schweiz.

SRG-Werbeangebote wichtig für Attraktivität des Marktes

Tamedia ist heute noch nicht Eigentümerin von Goldbach. Der Blick auf das TV- und Radio-Werbegeschäft ist für das Unternehmen neu und noch ungewohnt. Deshalb interessiert uns die Einschätzung der Experten bei Goldbach – und die ist klar: die Werbeangebote der SRG sind wichtig für die Attraktivität des TV-Werbemarktes in der Schweiz. Goldbach hat sich deshalb, anders als der Verband Schweizer Medien, der die Zeitungs- und Zeitschriftenverleger vertritt, immer gegen Werbebeschränkungen bei der SRG und für die heutige Werbeordnung ausgesprochen. Auch unter diesem Gesichtspunkt leuchtet nicht ein, weshalb eine Abschaffung der SRG im Sinne von Goldbach sein soll.

Welche Position vertritt also Tamedia in der Diskussion um die SRG? Es ist die Position, für die der Verband Schweizer Medien, in dem auch Tamedia Mitglied ist, seit Jahren eintritt. Ja zu einer gebührenfinanzierten SRG, die in unserem viersprachigen Land ein Radio- und TV-Angebot bieten kann, das sich über den privaten Markt nicht finanzieren liesse. Nein zu einer schrankenlosen Expansion der SRG im Bereich digitale Textangebote, im Bereich Werbung und bei Kooperationen, die den Wettbewerb verzerren. Das war unsere Position lange vor No-Billag. Vielleicht ist, wenn sich der Pulverdampf um No-Billag erst verzogen hat, auch wieder eine differenzierte Diskussion möglich, statt nur Polemik.  


Christoph Zimmer ist Leiter Kommunikation und Public Affairs Tamedia.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Urs Müller, 10.01.2018 18:49 Uhr
    Guten Tag Herr Zimmer Ich bekam heute einen Werbeanruf für ein Probeabo des Tagesanzeigers. Nachdem die Frau am Telefon all die Vorzüge eines solchen Abos geschildert hatte, sagte ich ihr, dass ich eine Zusage von der Haltung des Tagis zu no Billag abhängig mache (ohne ihr mitzuteilen, ob ich für oder gegen die Initiative bin). Sie wusste das nicht und sagte, sie würde sich erkundigen und mich zurückrufen. Dies machte sie denn auch und teilte mir mit, dass der Tagesanzeiger die no Billag Initiative unterstütze. Ich fragre dann nach, ob der Tagi wirklich für die Abschaffung der SRG sei, Und sie bestätgte mir, dass dem so sei. Ich habe also lediglich weiterkommuniziert, was ich aus Ihrem Haus gehört habe. Sie können sich gerne die Aufzeichnung des Telefonats nochmals anhören. Freundliche Grüsse Urs Müller
  • Hansi Voigt, 11.01.2018 07:12 Uhr
    Tamedia und der Verband der Zeitungsverleger setzen seit 2003 durch, dass die Inhalte der SRG Online gar nicht oder nur in sehr eingeschränkter Form zur Verfügung stehen. Als Begründung für den Umstand, dass SRF–Informationsangebote Online gerade der jüngeren Genaeration vorenthalten werden, wird das vermeintliche Geschäft angeführt, dass die Verleger Online machen würden. Mit NoBillag hat das in der Tat nichts zu tun. Aber wie soll man es aus gesellschaftlicher Sicht nennen, wenn, aus kommerziellen Interessen, einer jüngeren Generation öffentlich–rechtliche Informationsleistungen vorenthalten werden? Ein Online-Geschäft übrigens, das es mit Ausnahme von 20 Minuten Online überhaupt nicht gibt. 2017 auf eine Radio_TV-Gestzgebung zu pochen, die schon 2003 bei Inkraftsetzung völlig veraltet war, um ein besseres SRF-Angebot Online zu verhindern, hat in der Tat nichts mit NoBillag zu tun. Damit, dass gerade Tamedia zur Konkurrenzvermeidung, ein insgesamt schlechteres Informationsangebot (vulgo Volksverblödung) fördert und weiterhin fordert, schon.
  • Christoph Zimmer, 11.01.2018 11:57 Uhr
    @Urs Müller: Danke für diesen Hinweis. ich möchte mich für die falsche Information des Call-Agents entschuldigen. Wir gehen diesem Fall gerne nach. @Hansi Voigt: Die digitale Verbreitung der SRG-Inhalte ist unbestritten und die SRG hat alle Möglichkeiten, eine junge Generation anzusprechen. Wogegen sich der Verlegerverband Schweizer Medien wehrt, sind (neben Wettbewerbsverzerrungen im Werbemarkt) digitale Textangebote der SRG. Der Grund ist einfach: die Verleger stehen vor der Herausforderung, digitale Bezahlangebote aufzubauen. Konkurrenziert die SRG diese Angebote mit gebührenfinanzierten, presseähnlichen Digitalinhalten, wird das nicht gelingen – mit verheerenden Folgen für die privaten Medien. Das Resultat wäre nicht eine Bereicherung der Medienlandschaft sondern eine Verarmung.
  • Victor Brunner, 14.01.2018 09:56 Uhr
    Christoph Zimmer, interessant, bei Ihnen ist nie vom Konsumenten die Rede, sonderen nur von den verherrenden Folgen für die privaten Medien. Die Medienlandscaft ist am verarmen, aber nicht wegen SRF, sondern weil es die Privaten im TV-Bereich in den letzten 10 Jahren nicht geschafft haben wirklich attraktive Angebote bereit zu stellen. Die Konzentration wird sich fortsetzen. In 5 bis 10 Jahren heben wir beim privaten TV einen Player, von St. Margarethen bis Freiburg, mit dem Einheitsbrei und Anfängerjournalismus wie er heute schon von den Privaten geboten wird. Auslandsberichterstattung: ablesen von Zeitungen oder Agentturmeldungen! Bei den Zeitungen die gleiche Konzentration. Grosse Verlagshäuser zwingen ihren regionalen Zeitungen Artikel auf, zugelassen ist nur noch ein mariginaler Teil an lokalen Berichten, sofern es der Umfang erlaubt. Die Verleger mit ihren Zeitungen, Radios, TV, schaufeln sich ihr Grab selber, weil sie nicht in der Lage sind kreative und nachhaltige Konzepte zu entwickeln und nur auf den kurzfristigen Profit fixiert sind. NoBillag annehmen heisst die Unfähigkeit der Privaten auszuzeichnen!

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