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Journalismus geht auch gut günstig

Christian Beck

«Du kannst auch gleich noch ein paar Fotos machen.» Diesen Auftrag erteilte auch ich vor rund 20 Jahren den freien Mitarbeitern der Lokalzeitung, bei der ich arbeitete. Auch unter den festangestellten Lokaljournalisten war es gang und gäbe, selber die Bilder zu schiessen. Eigener Fotograf? Fehlanzeige. Heute würde die Aufforderung wohl eher heissen: «Du kannst auch gleich noch ein Video drehen».

So ähnlich dürfte es auch bei der Story «Gstaad geht auch gut günstig» gewesen sein. Die Schreibende berichtet auf 20minuten.ch über den Nobelort, in dem man durchaus auch Lowbudget-Ferien machen kann. Lowbudget ist aber auch das dazugehörige Video. Sicher gut gemeint, aber leider nicht gut gemacht. Dramaturgie im Video? Fehlanzeige. Den Beitrag eröffnen mit dem sogenannten Most Compelling Shot, also dem wichtigsten Bild? Fehlanzeige. Interessante Detailaufnahmen? Fehlanzeige. Guter Off-Kommentar? Fehlanzeige. Im Gegenteil: Im Videobeitrag reihen sich wilde Schwenks aneinander, viele Totalen und vor allem ein gähnend langweiliger Kommentar.

Schreibende Journalisten müssen immer mehr leisten, als «nur» einen Artikel zu schreiben. Eben waren es «noch ein paar Fotos» zusätzlich. Später durften sie dann auch gleich noch selbst die Seite layouten. Und nun eben auch noch «schnell» ein Video machen.

Dabei ist Videojournalist auch ein Beruf. Ein Beruf, der bereits aus mehreren Berufen besteht. Der Videojournalist ist Journalist, Regisseur, Kameramann, Tontechniker und Off-Sprecher zugleich. Manchmal auch noch der Maskenbildner. Und seit einigen Jahren auch noch der Cutter. Einen Beitrag in einem Tag abzudrehen und pünktlich am Abend auf den Sender zu bringen, ist ganz schön anspruchsvoll.

Genau so anspruchsvoll ist es aber auch für einen schreibenden Journalisten, qualitativ gute Arbeit abzuliefern. Eine Arbeit ohne Fehler. Keine Fake News. So ganz nebenbei noch ein Video zu produzieren, wie es der crossmediale Journalismus zunehmend verlangt, geht nur mit Abstrichen.

Klar, Gstaad geht auch gut günstig. Aber Journalismus geht günstig nicht immer gut.

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