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In den USA bezahlen Portale bereits «per visit»

Michèle Widmer

Je mehr Klicks ein Journalist mit seinen Artikeln generiert, desto mehr Geld hat er Ende Monat auf dem Konto. Tamedia testet beim Newsexpress, der hauseigenen Nachrichtenagentur, ein Bonussystem. Damit will das grösste Schweizer Medienhaus seine Mitarbeitenden für spritzigere Titel motivieren – oder für einen besseren «Veredlungsprozess», wie es Peter Wälty, bei Tamedia für das Projekt verantwortlich, im Interview nannte. Die Empörung bei Kommunkationswissenschaftlern und Medienschaffenden war gross und voraussehbar. So sagte Medienprofessor Mark Eisenegger, dass solche Anreizsysteme Tendenzen zur Übertreibung und Effekthascherei fördern könnten (persoenlich.com berichtete).

Während die Idee in der Schweiz ein Novum ist, führt die Branche in den USA die Pay-Per-Visit-Debatte seit Jahren. Aufschwung erhielt das Thema, als das Medienhaus Gawker, welches das Portal Gawker.com im letzten August einstellen musste, im Februar 2014 das Programm «Recruits» vorstellte. Teilnehmer erhielten 5 US-Dollar pro 1000 monatliche Unique Visitors. Maximal gab es 6000 US-Dollar im Monat zu verdienen.

Besonders stolz war man bei Gawker auf das sogenannten «Big Board», auf welchem neben jedem Redaktor die erreichten Klickzahlen aufgeführt waren. Auch das Wirtschaftsportal «Forbes», die Plattform für Jugendliche «Complex» oder die Onlinezeitung «The Daily Caller» bezahlen ihre Journalisten zumindest teilweise nach Leistung und waren damit immer wieder Thema in Zeitungen, Blogs oder Kolumnen. Der mittlerweile verstorbene «New York Times»-Journalist David Carr widmete der Diskussion um lohnrelevante Performance einen Beitrag in seiner Kolumne «The Media Equation». Darin macht er ein Beispiel und zeigte, wie er seinen Texteinstieg wohl formuliert hätte, wenn er pro Klick bezahlt würde.

Während beim von Tamedia vorgestellten Modell einzig der Klick zählt, sind für US-Medien auch andere Werte belohnenswert. Beim einen ist nebst der Reichweite auch die Verweildauer relevant, beim anderen die neuen oder die wiederkehrenden Leser. Und wieder andere lassen es sich etwas kosten, wenn Reporter in einem Monat viele neue Twitter-Follower gewinnen konnten.

Mit Blick auf die Schweiz sind nun zwei Punkte spannend. Erstens: Wie lange dauert es wohl, bis das Bonussystem vom Newsexpress von der jetzigen Testphase fest etabliert wird – und danach vielleicht auch für Journalisten von «20 Minuten oder «Tagesanzeiger», die eigene Artikel schreiben, angewendet wird. Und Zweitens: Inwiefern ziehen andere Schweizer Verlage nach? Offene Türen zuschlagen will sich bisher ja niemand, wie das Beispiel von Patrik Müller, Chefredaktor von «az Nordwestschweiz» und «Schweiz am Sonntag», zeigt. Gegenüber Radio SRF 4 News sagte er am Samstag: «Grundsätzlich ist es richtig, dass man experimentiert und die Leute daran misst, wie gut sie arbeiten. Bin sehr gespannt auf die Erfahrungen von Tamedia.»

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Kommentare

  • Armin Keusch-Walter, 04.03.2017 16:57 Uhr
    Muss man alles aus Amerika übernehmen? Am Ende dieser Politik steht ein Präsident namens Trump.

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