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Die Geier kreisen

Matthias Ackeret

Hanspeter Lebrument ist ein Mann der harten Bandagen. Das ist bekannt. Der langjährige Verlegerpräsident und Somedia-Verleger hat in seinem langen Leben manchen Fight ausgefochten. In seiner vor drei Jahren erschienenen Biographie von Christian Ruch bezeichnet er sich selbst als «guter Geschäftsführer mit schlechtem Charakter». Das mag Koketterie sein, viele seiner Gegenspieler haben Lebrument in den letzten Jahrzehnten nicht nur als charmant und witzig, sondern auch als knallhart, unberechenbar, ja diktatorisch erlebt. Im «Tages-Anzeiger» vom Samstag beschreibt Autor Philipp Loser auf süffige Weise den streitbaren und schillernden Verleger aus dem Bündnerland. Fazit des Artikels: Das «Glückskind» sei vom Glück verlassen worden. Dies tönt nach ganz grosser Tragik, nach ganz grossem Kino, nach Shakespeare – und muss deswegen nicht falsch sein.

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Zu bedenken gibt nur, dass Loser in seinem Artikel mehrfach betont, dass die «Geier» über Lebruments Imperium kreisen. Auf Zahlen und nähere Fakten verzichtet er grosszügig. Einziges Indiz: Die Somedia habe seit 2015 ihre Bilanz nicht mehr publiziert. Das mag zwar unschön sein, aber reicht es, um einem Mitbewerber ein mögliches Ende zu prophezeien?

Mit Verlaub: Der Geier-Vorwurf ist nicht nur beleidigend (was Lebrument wohl egal wäre), er ist vor allem kreditschädigend. Die Anschuldigungen von Rolf Breuer, des damaligen Chefs der deutschen Bank, gegen die Kirch-Gruppe klingen dabei in den Ohren. Hanspeter Lebrument selbst (vom Tagi auf der Frontseite als «Peter Lebrument» bezeichnet) sei für eine Stellungnahme nicht erreichbar gewesen – er sei in Asien. Aber auch keines seiner Kinder, sein langjähriger CEO Andrea Masüger oder sonst wer aus Lö's Umfeld werden namentlich zitiert, die happigen Vorwürfe gegen den 76-jährigen Patron sind allesamt anonym. Ganz schüchtern gefragt: Sind dies die journalistischen Ansprüche der Qualitätszeitung «Tages–Anzeiger»? Oder anders gefragt: Will die Tamedia auf diese Weise dem Mitbewerber Somedia jegliche Kredibilität nehmen, um ihn – in bündnerscher Jagdtradition – wund zu schiessen und so aus dem Rennen zu nehmen? Hoffen wir, dass dies nicht der Fall ist, schliesslich pflegten Tamedia und Somedia in Vergangenheit gute Beziehungen. Als Hanspeter Lebrument vor anderthalb Jahren als Verlegerpräsident zurücktrat, lobte ihn dessen Nachfolger als ein Vorbild. Es handelt sich um Tamedia–Verleger Pietro Supino.

 


Matthias Ackeret ist Chefredaktor von «persönlich».

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