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Die «Bilanz» über Powerfrauen

Inken Rohweder

Früh morgens sitze ich allein zwischen Männern in der Swiss Lounge und denke darüber nach, ob deren Frauen wohl zu Hause auf die Kinder aufpassen oder einfach keinen Job haben, der das Reisen oder den Status eines Vielfliegers mit sich bringt. Vielleicht sind diese Männer alle Single? Vielleicht läuft in punkto Gleichberechtigung noch nicht alles rund? Man weiss es nicht, doch man ahnt es wohl. Dann bleibt mein Blick in der unteren rechten Ecke des aktuellen «Bilanz»-Titelblatts hängen.

Bilanz m

Bilanz 2

«Powerfrauen. Mit Kind nach oben: Es geht doch»

Autsch.

Das Wort Powerfrauen würde sich auf einer Unwortliste besser machen, als auf dem Titelblatt des meistgelesenen Wirtschaftsmagazins der Schweiz. 

Man muss den Begriff nur mal ins Englische übersetzen: So wird einem die Lächerlichkeit noch bewusster! «Powerfrauen» hilft, Klischees zu untermauern, die in Bezugnahme auf erfolgreiche Frauen weiterhin existieren. Sind Powerfrauen mit über- bzw. gar unmenschlichen Kräften ausgestattet? Oder sind sie sehr gut in dem, was sie tun und, um es mit einem wohlbekannten Wort auf dem Punkt zu bringen: «top»? «Tüchtige Frau voll Kraft und Stärke», sagt der Duden zum Wort «Powerfrau», wohingegen der Topmanager einfach jemand ist, «der zum Topmanagement gehört». An diesem Unterschied allein ist bereits zu erkennen, dass die einen angekommen und die anderen noch unterwegs sind.

Und zwar weg aus der Falle des fleissigen Lieschen («tüchtig»), das sich eine Position irgendwo da oben wohl erkämpfen muss «voll Kraft und Stärke», also known as Schulterpolster in einem der männlichen Belegschaft angeglichenen Erscheinungsbild oder dem ach so ehrgeizigen Einsetzen der Ellenbogen.

Bilanz 3

In der «Bilanz» auf Seite 82 ist der gesamte Artikel dann bereits in der Headline «Vollzeitfrauen» zusammengefasst. Drei Powerfrauen lächeln uns anderen da draussen mehr oder weniger zuversichtlich aus ihrer Bürouniform entgegen. Wer es nach oben schaffen will, der schafft es also nur Vollzeit, heisst es dann im Text.

Weil in der Lounge Magazine gratis zu haben sind, bleiben mir zum Glück 12 Franken übrig. Das reicht für 2,5 Exemplare der «Gala». Dort erfahre ich schliesslich auch etwas über Frauen, die es ganz nach oben geschafft haben und erwarte nicht viel mehr als etwas Gossip und ein paar Stylingtipps dazu. In einem Wirtschaftsmagazin hingegen darf ich möglicherweise mit etwas mehr relevantem Inhalt rechnen als mit den Zitaten eines üblichen Verdächtigen, dem Headhunter Heiner Thorborg.

In meinen Augen wird Thorborg geradezu humorvoll beschrieben: «Mit seinem Netzwerk-«Generation CEO» engagiert sich der Headhunter seit über 10 Jahren für karriereorientierte Frauen». Er «engagiert» sich. Ich mich auch! Und zwar für kranke Kinder in Kambodscha. Das erwähnte «Engagement» ist wohl mehr ein lukratives Businessmodell, gibt es doch so gut wie keine Netzwerke für Frauen. 

Ich mag es ja, dass sich ein Mensch (und Mann!) überhaupt um Frauennetzwerke kümmert. Es stört mich auch kaum, dass in Zusammenhang mit dem Googeln des Namens, Heiner Thorborgs Lebenslauf, Heiner Thorborgs Ferrari und Heiner Thorborgs Wikipedia-Eintrag als erstes auftauchen, und nicht etwa sein «Engagement».

Es stört mich allerdings gewaltig, dass diese Stimme in einer journalistischen Arbeit so prominent vorkommt und gar nicht kritisch hinterfragt wird. Eine Stimme, die die gesellschaftlich höchst relevante Debatte über gender equality in der Arbeitswelt nicht einmal erwähnt! Eine Stimme, die pauschal gegen Teilzeit wettert und die sich tatsächlich mit den Worten äussert: «Im Generation-CEO-Netzwerk haben die Mitglieder im Schnitt mehr Kinder als die Durchschnittsfrau!».

Na, dann ist ja gut; der Fortbestand der Menschheit scheint gesichert – alles ganz «tüchtig» und «mit voller Kraft» von «Powerfrauen» unter Heiner Thorbergs wohlmeinenden Fittichen.

Entschuldigung?

Das wirklich einzig Konstruktive, das ich dem Artikel entnehme, ist die Bemerkung, die SBB habe «erkannt», dass Mitarbeiterinnen zu fördern sind. Wie wir wissen, ist das blosse Erkennen eines Problems ja schon mal der erste Schritt zur Lösung.

Eine Lösung, die sich 1970 – ach, Entschuldigung, wir haben ja 2017 – sicher etwas breitgefächerter darstellt, als «Raus aus dem Wochenbett und ab ins Büro». Oder?


*
Inken Rohweder ist selbstständig in Art & Creative Direction. Sie hat das Michael & Helga Conrad Scholarship for Creative Leadership, ein Executive-Master-Business-Administration-Programm, an der Berlin School gewonnen. 

 

 

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