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Die Ankündigung ist die halbe Miete

Stefan Millius

Um 2002, als das Internet zumindest für die breite Masse noch ein wenig erschlossenes Terrain war, machte ein Mann in den USA von sich reden, der sich «Freck» nannte. Auf der Webseite cutoffmyfeet.com (nicht mehr aktiv) berichtete Freck von seinem tragischen Schicksal. Durch einen Unfall waren seine Füsse paralysiert und verkümmerten – und er wollte sie loswerden. Da die Versicherung nicht willens war, für eine Amputation zu bezahlen, war der Mann bereit, das selbst zu übernehmen, und zwar mit einem eigens gebauten Fallbeil. Diese blutige Aktion sollte live gestreamt werden. Freck rief Besucher seiner Seite zu Online-Spenden auf, und nur die Spender sollten in den «Genuss» des Streams kommen.

Livestreaming einer Amputation gegen Geld: So absurd das alles klingt, Freck war damit wohl gleich in mehreren Feldern ein Pionier. Heute geht man davon aus, dass es sich um einen Hoax, einen Scherz im Web, handelte, zumal das Fallbein-Datum immer wieder verschoben wurde. Wie es Freck und seinen Füssen geht, ist leider unbekannt. Mit Sicherheit hat er einer heute sehr beliebten Methode Vorschub geleistet: Der medienwirksamen Ankündigung, bei welcher allein der Weg das Ziel ist.

Neuestes Beispiel ist der taiwanesische Sportmoderator Tah-Ren Fu, der an Krebs erkrankt ist und sich in der Schweiz in den Freitod begleiten lassen will – was in seiner Heimat nicht erlaubt ist. Auch er hat angekündigt, seinen Abgang via Livestream zu verbreiten. Hier ist nicht Geld das Motiv, sondern Aufmerksamkeit. Der TV-Mann setzt sich für eine Legalisierung der Sterbehilfe in Taiwan ein. Zu diesem Zweck hat er auch schon eine Ausstellung organisiert, eine «Vorbeerdigung» durchgeführt und dabei gleich noch ein Buch zum Thema vorgestellt.

Ironischerweise hat die spektakuläre Aktion in Taiwan selbst in den Medien bisher nicht gerade hohe Wellen geworfen. Vermutlich ist man der Aktivitäten von Tah-Ren Fu dort langsam überdrüssig. Umso dankbarer nahmen Schweizer Blätter die «News» auf. News notabene, bei denen bisher nichts geschehen ist und vermutlich auch nicht geschehen wird. Der Sterbewillige behauptet zwar, mit Dignitas eine Sterbehilfeorganisation gefunden zu haben, aber dass diese wirklich einen Freitod live streamen lässt, ist nicht anzunehmen. Das wäre zwar Publicity, aber kaum die erwünschte. In Medienberichten zu Wort kommt dafür der Konkurrent Exit (wo man «Nein, danke» sagt) und der eine oder andere Experte rund ums Sterben in der Öffentlichkeit.

Eine schöne, runde Story also, die sich einzig darum dreht, was jemand angeblich zu tun gedenkt. Musste man früher etwas leisten oder sich wenigstens etwas zuschulden kommen lassen, um Schlagzeilen zu machen, reicht heute eine absurde Idee. Eine Operation lehnte der 84-Jährige übrigens ab; sie hätte schliesslich unter Umständen sein Leben gerettet, was seinem Anliegen nicht gerade förderlich wäre. Denn eine Bauchspeicheldrüsen-OP bei einem bei uns unbekannten Sportmoderator aus Taiwan wäre kaum in «20 Minuten» gelandet.


Stefan Millius ist geschäftsführender Partner der Kommunikationsagentur insomnia GmbH und der Ostschweizer Medien GmbH in St.Gallen.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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