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Der virtuelle Stammtisch

Stefan Millius

Der Fall des vierfachen Mords in Rupperswil muss für viele mitteilungsbedürftige Leser von Onlinemedien wie Geburtstag, Ostern und Weihnachten an einem Tag sein. Die Kommentarfunktion ermöglicht es ihnen, sich ohne juristische oder psychologische Vorkenntnisse zum Jahrhundertverbrechen zu äussern. Konstruktiv ist das selten. Die Bandbreite der Wortmeldungen reicht vom Klassiker «Führt die Todesstrafe ein» bis zum Wunsch «einsperren und Schlüssel wegwerfen», was im Grunde zum selben Resultat führt. Das Kommentarfeld wird so zum Ventil für Überdruck, der meist vermutlich gar nicht erst durch die Tat entstanden ist, sondern eher mit der allgemeinen Befindlichkeit des Schreibers zu tun hat.

Eigentlich ist es ja ehrenhaft, dem «normalen Bürger» eine Stimme zu geben. Ebenfalls wünschbar ist eine inhaltliche Debatte. Eine solche ist aber nicht zu beobachten. Der Schlagabtausch findet nicht auf Argumentationsebene statt, sondern erschöpft sich im plumpen «Meine Meinung – deine Meinung» – und natürlich ist die andere stets falsch. Völlig chancenlos sind Beiträge, die auf die geltende Rechtslage oder andere Fakten hinweisen. Das ist nicht gefragt bei den meisten Lesern auf den Onlineportalen von «20 Minuten» und «Blick». Im Gegenteil: Je durchdachter und sachlicher ein Leserkommentar ist, desto grösser ist der Aufschrei des Rests, gefolgt vom «Daumen runter». Die Arbeit eines Gerichtsgutachters mit jahrzehntelanger Erfahrung lässt sich in zwei Minuten an der Tastatur niederschreiben, einzig auf der Basis der Medienberichterstattung.

Bei den meisten Onlinemedien lassen sich nicht alle Beiträge kommentieren. Nach welchen Kriterien die Auswahl geschieht, ist unklar. Aber eine Stichprobe zeigt: Der Redaktion geht es kaum darum, komplexe und hintergründige Artikel offen diskutieren zu lassen. Je abstrakter ein Thema, desto seltener wird die Lesermeinung eingeholt. Kommentare werden dort zugelassen, wo jeder mitreden kann – auch wenn er oder sie nichts Substantielles zu sagen hat. Verbrechen sind hier die beste Spielwiese. Mit anderen Worten: Aktiv bewirtschaftet wird der virtuelle Stammtisch. Ökonomisch macht das auch Sinn, denn die Kommentarfunktion sorgt für Klicks, und ein Mordprozess generiert mehr Meinungen als Regionalwahlen in Simbabwe.

Letztlich sind Leserkommentare das Spiegelbild eines Mediums. Die «Republik» lässt ebenfalls zu ausgewählten Beiträgen debattieren, aber der Vertiefungsgrad ihrer Beiträge schliesst einfach gestrickte Leser, die nur Dampf ablassen wollen, bereits aus. Entsprechend sind viele der Kommentare auch fundiert und bilden oft wertvolle Ergänzungen zum eigentlichen Text. Vor allem aber sind die Reaktionen auf andere Meinungen meist ebenfalls sorgfältig abgewogen und gehen auf Details ein. Wer die Todesstrafe fordert, hat hingegen meist keine Lust, sich von Statistiken und Studien stören zu lassen. Deshalb bringen Leserkommentare den Medien Klicks und den Lesern 15 Sekunden Ruhm – und dabei bleibt es.  


Stefan Millius ist geschäftsführender Partner der Kommunikationsagentur Insomnia GmbH und der Ostschweizer Medien GmbH in St. Gallen.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

 

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