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Der Newsroom als Ablenkungsmanöver

Stefan Millius

Wenn einem Verlag nichts mehr Neues einfällt, baut er einen Newsroom. Die Grossen der Branchen haben auch einen, dann muss es ja gut sein. Es klingt natürlich bestechend, wenn es heisst, man verkürze so die Wege zwischen den Themenressorts und zwischen Print und Online. In der kreativen Atmosphäre des Newsrooms sollen ganz neue Spielarten der Content-Präsentation entstehen. Die schnelle Meldung im Netz, der gedruckte Hintergrund im Print, der ergänzende Interview-Clip als Podcast – die totale Ladung für uns Konsumenten. Ein toller Effekt.

Nur ist mir bisher nicht aufgefallen, dass er auch wirklich eintritt. Nach wie vor entstehen gedruckte Zeitungen nach dem Baumodell des 19. Jahrhunderts, einfach mit weniger Anzeigen als damals. Online-Ausgaben erscheinen weiterhin ohne echtes Finanzierungskonzept. Da und dort findet man ein verlorenes Filmchen dazu, das an ein zufällig realisiertes Abfallprodukt erinnert. Und unter «Crossmedia» verstehen die meisten Verlage, dass beim gedruckten Artikel der Link zur Bildergalerie im Web aufgeführt ist. Also das, was schon vor 15 Jahren möglich war.

Mit Newsrooms will man uns Folgendes weismachen: Ein Medium wird besser, wenn 30 Schreibende gleichzeitig auf einige grosse Screens starren, wo der Nachrichtenticker läuft. Und das digitale Zeitalter besteht darin, dass Journalisten in Echtzeit auf dem zentralen Bildschirm zusehen können, wie der Kollege (der direkt daneben sitzt) gerade die Online-Plattform abfüllt. Das macht uns Leser wirklich glücklich.

Newsrooms sind ein teures Ablenkungsmanöver, um zu verschleiern, dass Inhaltsabbau betrieben wird. Unter dem Getöse der Ankündigung eines Newsrooms kann man relativ unbemerkt Kahlschläge durchführen wie die Aufhebung von lokalen Standorten oder die Entlassung von Journalisten.

In der Realität sind Newsrooms das Gegenteil von Kreativität: Sie sind grosse Verwaltungsräume, in denen das verwurstet wird, was von Agenturen und Freien reinkommt – einfach zentraler als früher. Warum ist es eigentlich 2017 nötig, für die interne Koordination möglichst viele Leute in eine zentrale Schaltstelle zu pferchen? Gerade heute, wo die Vernetzung mit beliebigen Datenmengen rund um die Welt immer perfekter wird?

Während sich Unternehmen weltweit um Homeoffice-Lösungen bemühen, bauen Verlage zentrale Grossbunker und füllen sie mit dem Menschenmaterial, das sie noch haben. Das wird bekanntlich immer weniger. Und deshalb können wir vielleicht in Zukunft wenigstens vom Newsräumchen sprechen.

In Appenzell gibt es eine kleine, genossenschaftlich getragene Zeitung namens «Appenzeller Volksfreund». Die vier Redaktionsmitglieder verfolgen ein ziemlich altmodisches Konzept: Sie gehen raus zu den Leuten, über die sie schreiben und diskutieren die Ergebnisse bei einem Kaffee in der Redaktion. Das Blatt ist im Kleinkanton unverzichtbar und im Bestehen ungefährdet. Ein Newsroom wird mit Stand heute dort nicht diskutiert. Daumen drücken.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Dieter Froehlich, 07.08.2017 08:55 Uhr
    Genau so stellt sich die Sache dar! Ideenlose Verlage.

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