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Der erste Eindruck zählt

Stefan Millius

«Deutsch für Du» heisst eine Gruppe auf Facebook. Dort publizieren medienaffine Leute Fälle, in denen Zeitungen, gedruckt oder online, Fehler fabriziert haben. Und das nicht inhaltlich, sondern sprachlich. Halb so wild, könnte man sagen, denn schliesslich kommt es im hektischen Redaktionsalltag schnell zu einem Vertipper oder einem Satz, der in der Mitte abbricht.

Ein Streifzug durch die Beispiele dieser und anderer Gruppen fördert aber weit Schlimmeres zutage. Schauen wir also grosszügig hinweg über banale Flüchtigkeitsfehler oder ein Verrutschen auf der Tastatur. Aber in vielen Fällen werden ganz grundsätzliche Regeln der Grammatik missachtet. Der Akkusativ beispielsweise wird gerne ignoriert, der Genitiv abenteuerlich eingesetzt. Gerade Fallfehler schmerzen schon beim Durchlesen, würde man meinen. Aber offenbar lesen die Schreibenden ihre eigenen Texte nicht, geschweige denn, dass ein anderer einen Blick darauf werfen würde. Andere Klassiker sind «seid vs. seit» und «das vs. dass». Ganz einfach Fehler, von denen man ausgeht, dass sie niemandem unterlaufen, der professionell schreibt.

Ab einer gewissen Häufung ist davon auszugehen, dass nicht Unachtsamkeit, sondern Unwissen zu den Fehlern führt. Und das nicht etwa nur in privaten Blogs, sondern sogar in den Produkten der selbsternannten Qualitätsmedien. Es sind keineswegs nur die kostenlosen Pendler- oder Wochenzeitungen, die damit «glänzen».

Peanuts? Nicht unbedingt. Bekanntlich zählt ja der erste Eindruck. Und wenn ich in einem Text mehrfach über sprachliche Fehler stolpere, die bereits auf Primarstufe thematisiert werden, mag ich an den Inhalt des Artikels gar nicht mehr richtig glauben. Da kann die Recherche noch so toll sein: Das Resultat ist letztlich ein Text, und den messe ich instinktiv daran, wie er sprachlich in Schuss ist. Ein echtes, zufällig ausgewähltes Beispiel: «Als negative Punkte nennen die Befragten der schwierige Wohnungsmarkt». Das schmerzt beim erstmaligen Durchlesen. Beim zweiten Versuch tut es dann richtig weh. Sollte es zumindest.

Onlinemedien sind übrigens nicht zwingend schlechter in Schuss. Denn die können im Nachhinein korrigiert werden. Wie hoffentlich auch dieser Text, falls er einen Fehler aufweisen sollte. Was, das räume ich ein, ziemlich peinlich wäre.


Stefan Millius ist geschäftsführender Partner der Kommunikationsagentur insomnia GmbH in St. Gallen.

Der Autor vertritt seine eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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Kommentare

  • Arthur Kueng, 10.09.2017 18:53 Uhr
    Genau das war vor ungefähr 20 Jahren der Grund den Tagi nicht mehr zu lesen. Es trieb mich allmählich in den Wahnsinn 3 mal den Text interpretieren zu müssen. Entweder war die Kommasetzung im Kontext falsch oder eine komplett andere Aussage sollte gemacht werden. Dativ und Akkusativ waren nur notorische Kopfschmerzen im verbalen Chaos. Rechtschreibprüfungssoftware war wohl unter dem Niveau der "Profis"?

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