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Das Prinzip Hoffnung

Matthias Ackeret

Die Schweiz hat die weltbeste Armee und mit «Republik» – laut Eigenwerbung – den weltbesten Journalismus. Ersteres ist definitiv Fake News, bei Zweitem können wir immer noch hoffen. Nach fast zwei Wochen wurde diese Ankündigung noch nicht erfüllt. Was aber keine Katastrophe bedeutet: das Schöne am Internet ist, dass man sich permanent steigern kann, ohne sogleich das Konzept auf den Kopf stellen zu müssen.

Ein erstes Fazit: Die Grafik ist ansprechend, die Texte gut geschrieben. Positiv hervorzuheben wäre die äusserst kompetente Justizbetrachtung von Brigitte Hürlimann. Als ehemaliger TeleZüri-Gerichtsreporter habe ich einige der beschriebenen Fälle live mitverfolgt.

Was sich der Kritiker dieser Kolumne aber wünscht, ist mehr Aktualität – und auch Überraschung. Dass die SVP schlecht und Trump böse, ist definitiv keine. Aber vielleicht ist es gerade das, worin sich die «Republik»-Leser bestätigt sehen wollen. Wäre dies der Fall, lägen die Macher richtig. Das Erkennen – und auch Bedienen – der eigenen Zielgruppe ist bei einem Medienprodukt das Wichtigste.

«Schreiben, was ist», predigte bekanntlich «Spiegel»-Erfinder Rudolf Augstein. «Erklären, wie es sein müsste», ist die Devise der «Republik»-Macher. Doch ein bisschen mehr Augstein täte der «Republik» ganz gut: Das WEF jedenfalls ist für das neue Portal eine geniale Spielwiese: Altmeisterin Margrit Sprecher hat es mit ihrer Reportage bewiesen. Und vielleicht entpuppt sich der amerikanische Präsident am Ende als «Republik»-Starschreiber Günter Wallraff.

Doch über Erfolg oder Misserfolg der «Republik» entscheidet schlussendlich etwas anderes: nämlich beim Leseverhalten. Sind die «Verleger» bereit, ellenlange Texte auf dem iPhone oder Computer zu konsumieren? Ehrlich gesagt, ich bezweifle dies. Das Internet funktioniert anders als der Print: 50’000 Zeichen auf Papier sind nicht dasselbe wie 50’000 Zeichen im Netz; selbst, wenn der Autor Seibt heisst. Aber vielleicht verändert die «Republik» am Ende nicht nur den Journalismus, sondern auch das Leseverhalten. Hoffen wir es. Und sollte dies nicht der Fall sein, kann man die Texte immer noch kürzen. Ich wünsche der «Republik» jedenfalls viel Erfolg und noch mehr neue «Verleger».

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