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Das Desinteresse am Exodus bei Y&R erstaunt

Matthias Ackeret

Ich schrieb vergangene Woche einen Blog-Beitrag zum abrupten Abgang der gesamten Führungsspitze der Zürcher Young & Rubicam-Gruppe. Dabei habe ich diesen Vorgang mit einem tektonisches Beben der Stärke 9 verglichen. Diese Einschätzung war wohl richtig. Dumm nur, dass dies ausserhalb der Branche keiner registrierte.

Auf den Wirtschaftsseiten der Schweizer Zeitungen wurde der Abgang von CEO Andreas Widmer und seinen Kollegen mit keiner Zeile vermerkt. Was erstaunt: ist die Young & Rubicam-Gruppe mit rund 120 Mitarbeitern doch die viertgrösste Agentur der Schweiz und galt bis zur Jahrtausendwende als angesagteste Kreativschmiede der Schweiz. Der Exodus der Spitzenkräfte könnte dem internationalen WPP-Netzwerk, das in New York stationiert ist, einen idealen Vorwand liefern, beim Schweizer Ableger unangenehme Änderungen vorzunehmen.
 
Eine patriotische Note hat dieser Eklat kurz vor dem 1. August: damit wehrte sich die Schweizer Führungsriege gegen die Bevormundung durch das amerikanische Mutterhaus. Ein bisschen unschön, dass bei diesem Willhelm-Tell-Akt (um bei den patriotischen Bildern zu bleiben) nicht nur die Kunden, sondern auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Ungewissheit zurückgelassen wurden.

Die Ignoranz dieses ungewöhnlichen Vorganges durch unsere Medien ist ein Indiz für den tiefen Stellenwert unserer Kreativwirtschaft. Jeder Wirte- oder sonstige Geschäftswechsel erhält mehr publizistische Aufmerksamkeit. Das ist wirklich ungerecht. Schweizweit beschäftigt die Kommunikationsbranche rund 20'000 Menschen und erzielt einen Gesamtumsatz von 7,6 Milliarden Franken. Dies entspricht fast demjenigen der Energieversorgung. Doch Windräder erzielen naturgemäss mehr Wind.

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Kommentare

  • Peter Frey, 18.07.2017 09:07 Uhr
    Diese Ignoranz ist pervers, allerdings fehlt von Seiten der Abgänger jegliche Begründung. Das fördert die Ignoranz!

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