Der zeitungsfressende Chefredaktor

Benedict Neff

Wer lacht uns denn da heimatlich auf kress.de entgegen? Es sind die Herren Hogenkamp und Spillmann. Die beiden veranstalten gerade eine öffentliche Atzung: Der behäbige Digitalchef hält dem dünnen Chefredaktor lachend die NZZ zum Frass hin, dieser knabbert sich genüsslich in die nahe Ecke, mit Zeigfinger und Daumen scheint er die Zeitung ebenfalls zu halten, doch ist diese Geste in seiner Filigranität eher zarte Andeutung als ein eigentlicher Griff, dazu hebt er fragend die Augenbrauen hoch. Wieso hat die NZZ nicht gleich mit diesem Sujet die Werbetrommel für ihr Digital-Abo gerührt und die zwei als Schaubuden-Duo auf Reise geschickt? “Leute, kommt her, NZZ-Leser brauchen kein Papier… deshalb frisst der zuständige Chefredaktor alles auf!” So oder ähnlich hätte Hogenkamp marktschreierisch – natürlich auf allen Kanälen – den zeitungsfressenden Chefredaktor anpreisen können. Ein Paar Plakate mit dem Sujet hätte man ja auch noch drucken können. Und immer wieder rufen: “NZZ-Leser brauchen kein Papier” (vgl. persoenlich.com). Wenn Spillmann eine Zeitung verzehrt hätte, würde er weit die Augen aufsperren und dem Publikum mit grossem Ernst und Pathos versichern: “Dies ist keine Kampagne gegen den Print, sondern eine umgedreht positiv besetzte Kampagne für die Qualität im digitalen Raum der NZZ.” So steht es nämlich auch im Interview auf kress.de. Die Zuschauer würden sich kugeln ob diesem absurden Theater, Hogenkamp würde schallend lachen und wild herumtwittern und Spillmann nochmals eine Zeitung zur Speise vorsetzen und dabei zufrieden denken: “Jede ist eine weniger und desto mehr Digital.”

Aber nehmen Sie sich in Acht, die beiden Männer, die sich ins Digitale geradezu vernarrt haben, sind womöglich nicht so harmlos wie es scheinen mag, so sagt Spillmann im kress.de-Interview: “Wir haben erst seit kurzem eine Digitalkampagne auf dem Markt, wir gehen jetzt aggressiver raus an die Kunden.”

Sollten Sie gerade gemütlich im Tram sitzen und Ihre Papier-NZZ lesen und Spillmann/Hogenkamp steigen zu, so empfehle ich Ihnen, die Zeitung diskret in Ihren Mantel zu stecken und harmlos auf eine Gratiszeitung auszuweichen oder ein Tablet hervorzukramen. So wird man auf Sie als Kunde und Ihre Zeitung nicht aggressiv reagieren. Möchten Sie die Herren aber bewusst reizen, so fixieren Sie Ihre Papier-NZZ sicher in Ihren Händen und zitieren Sie laut Felix E. Müller: “Sie glauben doch nicht im Ernst, dass Online einem Zeitungsverlag substanzielle Mittel beisteuern kann? Das ist gar nicht möglich.”

Benedict Neff
Donnerstag, 15. November 2012 um 15:02 Uhr
  • P. Buchser
    Nov 15th, 2012 um 19:33 Uhr | #1

    Ich deute dieses Bild folgendermassen:
    Wenn der O(h)n-liner Zeitung macht (vgl. den kryptischen Titel), so beisst sich der Print-mensch daran die Zähne aus. Das ‘Bisschen’ kann aber auch als gesunder Sperrreflex ausgelegt werden: Zubiss statt Stopfen des Maules (allein schon der Verdauung wegen).

  • Stefan
    Nov 16th, 2012 um 13:58 Uhr | #2

    Wieso muss eigentlich in der Berichterstattung über Hogenkamp immer auf sein Gewicht Bezug genommen werden (“behäbig” vs. “dünn”)? Vgl. dazu auch: http://www.hogenkamp.com/2012/05/05/die-s-kurve-in-meinem-zitat-im-paywall-artikel-im-journalist/

  • Nov 16th, 2012 um 17:47 Uhr | #3

    Oder aber es ist alles faktisch etwas anders, wenn auch die These @Neff hübsch komponiert ist (und peinlich banal):

    “Zum Fressen gern” hat der Beissende die NZZ, ob gedruckt oder digital – unter diesem Titel war das Shooting am Rande des Swiss Economic Forums im Juni gedacht. Denn entscheidend ist wohl immer noch der Inhalt. By the way: Es gibt auch ein Photo aus dem letzten Jahr, auch das ist eine Art Liebesbekenntnis.

    Lustig übrigens, dass diese Blogg-Diskussion rein digital stattfindet… – willkommen in der Wirklichkeit.

  • Nov 16th, 2012 um 19:58 Uhr | #4

    na ja, ich finde diese kampa auch nicht hammer. aber immerhin bemüht sich die alte tante nzz, im digitalen jetzt anzukommen und ist mit diesen experimenten allen anderen etablierten verlagen weit voraus. u.a. auch dieser publikation hier, die ja immer noch webtechnik von vorgestern benutzt und inhaltlich immer noch wenig durchdacht daherkommt. da würd ich die hämischen zoten mal lassen und vor der eigenen türe feucht aufnehmen. so von wegen “portal der schweizer kommunikationswirtschaft”.

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