Ein Fall für Krake Paul

Matthias Ackeret

Die WM vorbei, Leuenberger weg, Polanski frei – das Sommerloch kann Einzug halten. Einzige Ausnahme: die Causa Kachelmann. Am 6. September beginnt in Mannheim der Vergewaltigungsprozess. Für den Meteorologen die bittere Erkenntnis: Auch aus Blumenkohlwolken kann ein Orkan entstehen. Das Kachelmann-Drama ist längst zu einem Duell der Medien geworden. Dem Schweizer Meteorologen, früher schnell mit dem Anwalt drohend, ist im Knast die mediale Kontrolle seiner Person entglitten. Jüngstes Beispiel die Illustrierte «Bunte», die den Ablauf der vermeintlichen Tat minuziös schildert. Die Quellenlage vage, das Ziel klar: «Ist er ein Frauenhasser?» Sowohl «Bunte» wie auch das im gleichen Verlag erscheinende Magazin «Focus» würden von der Staatsanwaltschaft bewusst mit Informationen gefüttert, so der Vorwurf von Kachelmanns Starverteidigern. Dies im Gegensatz zum «Spiegel», zur «Zeit» und auch zur «Weltwoche», die einen irreparablen «Justizirrtum» beschwören. Ständig die Fronten wechselnd: «Bild». Während die ARD, Kachelmanns Immer-noch-Arbeitgeber, den ganzen Vorfall verschweigt. Interessant: Ein gross angekündigtes «Stern»-Porträt, für welches ein hauseigener Reporter mehrere Wochen freigestellt wurde, ist bis heute nicht erschienen.

Bemerkenswert ist, dass die ganze Kachelmann-Story lediglich auf zwei Facts fusst: dem Kürzestauftritt von Kachelmann vor dem Gefangenentransporter («ich bin unschuldig») und einem Gutachten der Bremer Psychologin Luise Greuel, das von beiden Parteien beliebig interpretiert wird. Gesprochen hat sie mit Kachelmann nie. Auch das vermeintliche Opfer hat sich bis jetzt öffentlich noch nicht geäussert, so wenig wie die angeblichen Heerscharen der Kachelmann-Freundinnen, die den Mythos des hemmungslosen Casanova begründen. Fazit: Selten wurde so viel geschrieben und so wenig belegt. Eigentlich ein Fall für Krake Paul.

Matthias Ackeret
Sonntag, 18. Juli 2010 um 23:24 Uhr
  • kuedde rechsteiner
    Jul 19th, 2010 um 09:33 Uhr | #1

    also die eine vermeintliche freundin gab ja ein exklusiv interview in der bunten vor ein paar monaten.

  • Christian
    Jul 19th, 2010 um 15:33 Uhr | #2

    Solange es Auflage macht hat sowieso kein Reporter oder Redakteur irgendwas zu beführchten, egal wie erlogen sich das Geschriebene am Ende unter Umständen rausstellt. Der Fall Kachelmann wird am Ende nur einen Gewinner sehen. Die Sensationspresse. Seiten über Seiten sind schon gefüllt und verkauft worden durch diese Geschichte und ein Ende des Geldstromes aus dieser Geschichte ist auch erstmal nicht abzusehen. Auf Englisch sagt man so schön “the gift that keeps on giving”.

    In einem Punkt möchte ich aber wiedersprechen. Die mediale Kontrolle ist Kachelmann im Moment der Verhaftung entglitten, nicht erst im Knast. Beim Vorwurf einer Straftat ist man für die Medien vogelfrei und den Sturm der dort losbricht ist sowieso nicht abzuwenden oder einzudämmen. Dann besser die Vogel-Strass-Taktik von Herrn Kachelmann, bis der Prozess vorrüber ist, hat der draussen in medialer Hinsicht sowieso nichts zu gewinnen. Jedes Wort facht den Sturm nur noch mehr an.

  • chi
    Jul 19th, 2010 um 16:36 Uhr | #3

    „… Gutachten der Bremer Psychologin Luise Greuel …. Gesprochen hat sie mit Kachelmann nie.“

    Ein seltsamer Satz, suggeriert er doch ein Fehlverhalten der Gutachterin. Tatsächlich war es aber ihre Aufgabe, die Glaubwürdigkeit des *Opfers* zu begutachten; und mit dem hat sie wohl gesprochen.

  • Nitpick
    Jul 20th, 2010 um 08:38 Uhr | #4

    … und den Unterschied zwischen “vermeintlich” und “mutmaßlich” schaust du dir bitte bei Gelegenheit mal an.

  • adrian
    Jul 20th, 2010 um 15:47 Uhr | #5

    Wieso sollte denn eine Person des öffentlichen Lebens eine “mediale Kontrolle” besitzen? Sollte Kachelmann bestimmen können/dürfen, was über ihn berichtet wird? Das wäre ja eine tolle Sache. Dann darf auch Frau Merkel entscheiden, was so über sie in der Zeitung kommt?

Kommentar