Orange, Visa & No Logo: Gratis-Tipps für schöne Ferien!

Christian Hänggi

Gemäss meinen Informanten ist in der Schweiz vor kurzer Zeit der Sommer angebrochen und es ist anzunehmen, dass die Sommerferien auch bald einsetzen. Ein paar Tipps, wie immer kostenlos, für gelungene Ferien.

Im Gegensatz zu den meisten Massenmedien und der herkömmlichen Werbung, sind Geld und Telefonie wirkliche Kommunikationsmittel, denn sie dienen dem Austausch. Doch Vorsicht! Ein grosser Brand mit viel Werbeausgaben garantiert keineswegs, dass ein solcher Austausch auch stattfindet.

Wer in Lateinamerika in die Ferien reist, der hüte sich vor dem Glauben, dass Visa und MasterCard auf irgendeine Weise nützlich sein können (im Gegensatz zu vor 10 Jahren). Die meisten Kartenleser können unseren Chip und unseren Magnetstreifen nicht lesen. Mein Anruf bei MasterCard führte lediglich zu einem schulterzuckenden Hinweis, dass in seltenen Fällen die Karte manuell (sprich: Ritsch-Ratsch oder Eintippen der Daten) eingelesen werden muss. Die meisten Verkäufer sind damit überfordert. Wenn Sie nicht gerne Teller waschen, dann bringen Sie Bargeld. In gut 2/3 der Fälle (Flughäfen inklusive) sind weder MasterCard und Visa funktionierende Zahlungsmittel. Mit der Debitkarte Maestro konnte ich bislang nirgends bezahlen. Auch nicht in Nordamerika.

Zur Mobiltelefonie, diesem anderen Kommunikationsmittel, das einem Sicherheit in fremdem Lande vermittelt: Ich bin mit Orange Click mit spezieller Travel-Option in Nord-, Mittel- und Südamerika gereist, doch von anderen Gesellschaften, Preisplänen und Ländern habe ich ähnliches gehört. In Lateinamerika ist die Abdeckung miserabel. Zumeist konnte ich meine SMS gar nicht abschicken. Wenn ich es konnte, so wurden sie mir zwar verrechnet, aber oft gar nicht oder (USA) erst nach 24 Stunden übermittelt. Die Kundenservice-E-Mail-Adresse, die auf der Website erwähnt wird, ist nirgends zu finden. Verlassen Sie sich nie auf Ihr Mobiltelefon!

So, und jetzt zu einem schöneren Thema: der Strandlektüre. Ferienzeit ist eine gute Zeit, um etwas Distanz zur eigenen Arbeit zu gewinnen und über ihren Sinn und Zweck zu reflektieren. Hier drei Bücher, die gelesen haben muss, wer in der Werbe-, PR- oder «Kommunikations»branche arbeitet. Ich habe sie ab und zu erwähnt, doch da ich mir auch tausendmal die gleiche Werbung anschauen muss, ohne das Produkt zu kaufen, hier noch einmal:

Naomi Klein: No Logo.

Vor elf Jahren ist No Logo erschienen und hat für Aufruhr gesorgt. Besser recherchiert als die meisten Branding-enthusiastischen Bücher zeigt Naomi Klein akribisch und mit journalistischer Schreibe auf, welche Branding-Strategien sich die globalen Konzerne zurechtgelegt haben, um die Vorherrschaft des Lebensgefühls über den Inhalt zu portieren. Sie hat die Werbe-Wälzer studiert, AdAge gelesen, ist aber auch um die Welt gejettet, um mit Arbeiterinnen in Schuhfabriken und Demonstranten an G20-Gipfeln zu sprechen. 2009 ist eine englische Jubiläumsausgabe mit einem neuen 17-seitigen Vorwort erschienen, in dem sie aufzeigt, was inzwischen passiert ist. Leider ist das nicht viel. Die Politik wird zusehends mit leeren Floskeln ausgehöhlt, Privatisierung findet an allen Ecken und Enden statt, die Marke Obama spricht zwar alle an, aber letztlich hat das grosse Geld das Sagen. Symbolismus wird über Substanz bevorzugt, mit katastrophalen Konsequenzen für unsere Lebensgrundlagen und ein demokratisches Staatsgefüge. Traurig, aber wahr. Und dennoch ist Naomi Kleins Buch weder moralisierend noch apokalyptisch.

Howard Gossage: The Book of Gossage.

Die bei jüngeren Generationen in Vergessenheit geratene Werbelegende Howard Gossage hat 1967 mit Ist die Werbung noch zu retten? im deutschsprachigen Raum einen Branchenerfolg gelandet. Der umtriebige Texter war überzeugt, dass Leute lesen, was Spass macht. Selbst wenn es eine Anzeige ist. Auf humoristische und menschliche Art brachte er mit seinen Fortsetzungskampagnen die Leserinnen und Leser dazu, gespannt auf die nächste Anzeige zu warten! Bei Gossage hatte Werbung den Unterhaltungswert, den ihr die Marketing-Apologeten noch heute – wenig überzeugend – zuschreiben. Ist die Werbung noch zu retten? versammelt unterhaltsame Essays rund um die Kunst des Schreibens von Anzeigen, Gossages Agenturleben in den 1960ern und die Aufgaben und Grenzen von Werbung. Wer sich die längst vergriffene deutsche Ausgaben (1967 und 1987) nicht mehr beschaffen kann, findet mit dem Book of Gossage eine tolle Neuauflage mit Bonus-Material und einer CD-ROM.

Von mir: Gastfreundschaft im Zeitalter der medialen Repräsentation.

Gastfreundschaft usw. widmet sich den ineinander verschränkten Gebieten der Gesellschaft und der Werbung und entwirft eine Kommunikationsethik. In einem ersten Teil zerlegt es einige Selbsttäuschungen, die in der Branche beliebt sind, beispielsweise der Glaube, dass freie Marktwirtschaft etwas mit Demokratie oder Freiheit zu tun hat, dass Einweg-Informationsübermittlung bereits Kommunikation ist, oder die Verwechslungen zwischen natürlichen und juristischen Personen. Im zweiten Teil gehe ich der Frage nach: Sind die Mechanismen, die in der Gastfreundschaft («der Kunst des Umgangs mit Fremdem, im Raum, den wir unser eigen nennen» wie ich andernorts geschrieben habe) am Werk sind, ein adäquates Mittel, um unsere Beziehung zum alles durchdringenden Vermarktungstrieb besser zu verstehen? Wie finden wir zu einem lebensbejahenden Umgang mit Werbung? Der Text ist ein langer Essay (mit Unterkapiteln), geschrieben für alle, die direkt oder entfernt mit Vermarktung zu tun haben. Seine Einzigartigkeit liegt darin, dass er sich aus philosophischer und ethischer Sicht mit Werbung befasst, denn bei der Werbezunft stehen diese Fragestellungen nicht hoch im Kurs und für die Philosophen ist Werbung ein zu profanes Thema.

Viel Spass beim Lesen! Und auch wenn Persönlich dereinst Sommerpause macht, werde ich vermutlich ab und zu wieder etwas in diesem Blog schreiben. Bleiben Sie also dran! Und Sonnencrème nicht vergessen!

Christian Hänggi
Freitag, 9. Juli 2010 um 00:47 Uhr

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