Werbefreies São Paulo: Die wirtschaftsfeindlichste Metropole der Welt.

Christian Hänggi

Der Hänggi grüsst aus São Paulo, der Megalopolis mit 11 Millionen Einwohnern!

Und zwar grüsst er mit sechs Wimmelbildern und der Frage: Wo ist Werbung?

Leider kann ich zur Steigerung der Spannung die Antwort nicht verkehrt herum schreiben, deshalb right-side-up: «Nirgends.»

Um das Stadtbild zu verschönern und weil die Stadt nicht die Ressourcen hatte, Gebühren für die Nutzung des öffentlichen Raums einzufordern, hat der Stadtrat von São Paulo 2006 beschlossen, alle Aussenwerbung auf Stadtgebiet zu verbieten. Weiter wurden die Grösse von Firmenlogos beschränkt und dreidimensionale Werbekörper, Promotionen und ähnliches untersagt.

Was ist seither passiert?

Requeijão Puxa-Saco

Ein frühes Opfer des paulistanischen Werbeverbots: Requeijão Puxa-Saco, ehemaliger Präsident der brasilianischen Aussenwerbevereinigung (Bild: Marcelo Jabá Cachacinho da Abobrinho, Agência de publicidade Bolinho de Tapioca)

Zuallererst hat das Verbot natürlich die ganze Werbebranche empfindlich getroffen. Wenige Wochen nach Inkrafttreten wurden die ersten Crack rauchenden Inhaber von bankrotten Werbeagenturen unter den einschlägigen Brücken im Stadtzentrum aufgegriffen (Crack hat das beste Preis-Leistungs-Verhältnis zur kurzzeitigen Vernichtung des Weltschmerzes, besser noch als die katholische Kirche). Die meisten Beschäftigten in der Alkohol- und Zigarettenindustrie konnten sich rechtzeitig nach Rio de Janeiro absetzen und/oder begannen, Crack zu dealen. Etwa zu der Zeit, in der alle Auffangzentren ausgebucht waren, traf es die Automobilindustrie. Auch sie konnten der Drogensucht nicht entkommen, ausser sie hatten Verwandte in der Schweiz, die ihnen ein Flugticket bezahlten. Nach der Automobilindustrie, die auch sämtliche Zulieferbetriebe und die Erdölindustrie in den Abgrund riss, folgten Hersteller von Kosmetika und Süss- und Salzwaren. Doch ohne die Erdölindustrie wurde Energie ein rares Gut, der öffentliche Verkehr brach zusammen, der private sowieso, was wiederum alle Politiker den Kragen kostete. Die Polizei war hoffnungslos überfordert, da ihnen niemand ihre Schutzgebühren bezahlen konnte, mit denen sie ihr Corps zur Bekämpfung und/oder Instandhaltung der Drogenmaschinerie hätten aufstocken können. Dass unter diesen Umständen die Bevölkerung abwandern musste, so lange es noch Flug- und Individualverkehr gab, versteht sich von selbst. Beamtinnen, Lehrer, Ärztinnen verliessen die Stadt in Scharen, Supermärkte mussten dicht machen, die ersten, weil ohne Werbung niemand mehr wusste, wo man Esswaren kaufen konnte, die letzten, weil sie nicht mehr mit Esswaren beliefert wurden. Doch all das hatte seine positiven Kehrseiten: Die früheren Beschäftigten der Alkohol- und Zigarettenindustrie (die Crack-Dealer) hatten nichts mehr zu essen, und die früheren Beschäftigten

Toblerone von Kraft

Almosen für die verlorenen Söhne und Töchter: Toblerone von Kraft

der Werbeagenturen (die Crack-Konsumenten) hatten nichts mehr, um die Crack-Dealer zu bezahlen und starben einsam eines traurigen Todes unter den Brücken einer der früher reichsten Städte der Welt. Aber: Die Drogensucht war besiegt! Heute ist São Paulo eine Geisterstadt, ein paar verbleibende europäische Hippies scharen sich abends um Feuer, die sie mit abgeholzten Palmen schüren und ernähren sich von Kraft-Toblerone, die ihre Schweizer Verwandten per Flugzeug abwerfen lassen, damit sie nicht auf die Idee kommen, wieder nach Hause zu reisen.

Traurig, aber wahr: Das ist die Dystopie, die der BSW, die APG und diverse andere ohne jegliche Anhaltspunkte zeichnen und auf Schweizer Plakatwände aufziehen. Die Realität sieht natürlich anders aus.

Ich habe viele Menschen in São Paulo gefragt, was sie vom Werbeverbot halten. Die Antworten könnten einstimmiger nicht sein: Die Leute sind begeistert. Architekten, Kommunikations-Professoren, Zulieferer der Autoindustrie, Tourismusexperten, Designer in Marketingagenturen, sie alle sagen: Etwas besseres hätte nicht passieren können. Die Stadt lebt, vibriert. Das Neue wie das im Verfall begriffene kam hinter den Werbefassaden zum Vorschein. São Paulo ist eine schöne Stadt. Was von oben grau aussieht, ist durchzogen von Farbe, von phantasievoller Architektur, von kunstvollen Graffiti. Selbst jene, die Werbeaufträge verloren haben, sagen, dass ihnen das Calvin-Klein-Megaposter eigentlich gestohlen bleiben könne.

Natürlich ist das Wohlbefinden der Gesellschaft wichtiger als die Partikularinteressen vereinzelter Wirtschaftszweige, doch betrachten wir kurz die Zahlen. Die aktuelle Arbeitslosenquote ist nicht verfügbar (jemand meinte, sie würde nur erhoben, wenn sie schlecht sei). São Paulo ohne Autowerbung hat 6 Millionen Autos. São Paulo ohne Zahnpastawerbung hat nicht erkennbar mehr Mundgeruch. Gran São Paulo ist weiterhin die bedeutendste Industriemetropole Lateinamerikas. «Wegen der Präsenz von rund 1000 deutschen Unternehmen mit 230 000 Mitarbeitern wird São Paulo nach der Anzahl der Beschäftigten dieser Betriebe als die grösste deutsche Industriestadt bezeichnet.» (Zitat Wikipedia/Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland). Undsoweiterundsofort. São Paulo hat seine Favelas, seine Armut und Kriminalitätsrate, doch das ist alles am Sinken, während Gesundheit, Alphabetisierung etc. stetig steigt. Natürlich wird es noch lange nicht das Niveau der Schweiz erreichen, aber der Kurs zeigt klar aufwärts.

Kurz: Der Entscheid des Stadtrats, Aussenwerbung drastisch einzuschränken bzw. weitgehend zu verbieten, hat zu mehr Lebensqualität und nicht zu wirtschaftlichen Einbussen geführt. Die Zeitungsartikel über das Werbeverbot, von der New York Times über Adbusters bis zur NZZ und dem Tages-Anzeiger, waren unbezahlte und erst noch glaubwürdige Werbung für die Stadt São Paulo, die im Werbemarkt das Budget jeder staatlich geförderten Tourismuskampagne gesprengt hätten. In den Worten von Scenic America, dem US-amerikanischen Pendant der IG Plakat | Raum | Gesellschaft: «Change is inevitable. Ugliness is not.»

Die unlautere Propaganda eines Branchenverbands, der sich mit dem Prädikat «swiss leading agencies» schmückt, und meint, Werbeverbote würden ALLE Arbeitsplätze in der Schweiz gefährden, ist ein weiteres Armutszeugnis für die Branchenverbände der Schweizer Werbelandschaft und für undemokratische Einflussnahme, die im Sinn von Vilém Flusser, des grossen Kommunikationsphilosophen, der lange Zeit in Brasilien gelebt hat, nur faschistisch genannt werden kann.

Schade eigentlich.

PS: Wer meine Interpretation des Paulistanischen Werbeverbots lesen will, bevor ich die Stadt in vivo erlebt habe, findet sie auf den Seiten 122-124 in meinem Buch Gastfreundschaft im Zeitalter der medialen Repräsentation: Eine Ökonomie des Geistes.

Christian Hänggi
Donnerstag, 13. Mai 2010 um 02:39 Uhr
  • Christian Hänggi
    Mai 17th, 2010 um 14:02 Uhr | #1

    Da es im Backend innert kurzer Zeit über 600 Spams gibt, ist Persönlich der Fehler unterlaufen, dass die richtigen Kommentare auch gelöscht werden. Das ist ein typischer Fall für das Problem grosser Mengen an Werbung. Wir filtern und dann filtern wir auch das falsche.

    Eine kurze Rekapitulation:
    bugsierer hat sich gefreut über den “witzigen” ersten Teil des Eintrags, hätte aber gerne mehr Infos zum zweiten Teil gehabt. Ich habe viele weitere Infos geliefert, die jetzt weg sind. Zudem hat er geschrieben, er schätze mein Engagement für weniger Aussenwerbung und die Tatsache, dass solche Themen in diesem Blog möglich seien.
    Werner Rudolf hat geschrieben, dass Expertentum nichts mit Fortschritt zu tun hat, sondern mit dem Kampf um Arbeit oder so was. Das hätte sich seit Max Weber (Wirtschaft und Gesellschaft, 1922) nicht geändert. Er hat ausserdem gefragt, wie denn die Gewerkschaften auf das Werbeverbot reagiert hätten, worauf ich keine Antwort weiss.

    Hier einige wenige der Zusatzinformationen, die ich für bugsierer herausgesucht habe:

    - Das “Gesetz für eine saubere Stadt” hat gemäss Werbern dazu geführt, dass 15000 Plakatstellen, 1600 Schilder und 1300 “towering metal panels” (vermutlich sind Megaposter gemeint) entfernt wurden. Zum Vergleich: Zürich mit einem Bruchteil der Einwohner und Fläche hat über 8000 Plakatstellen.

    - Auch die paulistanische Aussenwerbeindustrie hat Arbeitsplatz-Kampagnen gefahren, allerdings sachlicher als jene in der Schweiz. Genützt hats nichts.

    - Die Mordrate ist 2009 gegenüber 2007 um rund 20% gesunken, gegenüber 2006 um 38%.

    - Gesicherte Zahlen zur Arbeitslosenquote habe ich keine gefunden. Gemäss Wikipedia/Generalkonsulat der BR Deutschland wird São Paulo wegen der Präsenz von rund 1000 deutschen Unternehmen mit 230′000 Mitarbeitern als die ‘grösste deutsche Industriestadt’ bezeichnet.”

    - São Paulo gilt als die zehntreichste Stadt.

    - Auch in der Schweiz erhalten die Gemeinden von den Werbetreibenden keine Nutzungsgebühr für den öffentlichen Raum, der die (zweifelhaft belegte) Werbewirkung erst ermöglicht.

Kommentar